Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek

im Rahmen der Jahresveranstaltung des Deutschlandstipendiums am 18. und 19. Juni 2018 in Dresden. 

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek

Bundesbildungsminiserin Anja Karliczek

© Xander Heinl/photothek.net

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Michael,
sehr geehrter Herr Rektor,

sehr geehrte Damen und Herren,

Warum eigentlich Deutschlandstipendium? Weil es ein Stipendium vonDeutschland ist? Oder fürDeutschland? Oder ist das Stipendium vielleicht wieDeutschland? 

Wenn man neu im Amt ist, muss man solche Fragen stellen. 

Ich glaube, alle drei Antworten sind richtig. Das Stipendium ist vonDeutschland, schließlich kommt die Hälfte des Geldes vom Staat, die andere Hälfte von Unternehmen in unserem Land und von Privatleuten. 

Es ist fürDeutschland, denn es fördert engagierte junge Studierende, damit sie ihre Talente voll entfalten und etwas leisten können. Solche Menschen braucht unser Land. 

Und das Stipendium ist wieDeutschland. Deutschland ist vielfältig, so vielfältig wie unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten. Die eine liebt Mathe, der andere Musik; die eine ist in Polen aufgewachsen, der andere in Sachsen. 

Ebenso vielfältig sind die Partner, die beim Deutschlandstipendium zusammenkommen: Staat, Unternehmen, Studierende und Hochschulen. Das ist Deutschland. Ein Miteinander, das stark macht. Über dieses Miteinander möchte ich heute sprechen. Vor welchen Herausforderungen es steht und wie Programme wie das Deutschlandstipendium es stärken.

I.

Dass Menschen sich zusammengehörig fühlen, ist nichts Selbstverständliches. Das muss immer wieder neu erarbeitet werden. Im Kleinen wie im Großen. Jede Zeit lässt neue Risse entstehen. 

Wir erleben derzeit große Umwälzungen. Die Globalisierung treibt viele Menschen um. Sie ist durch die Migration vieler Menschen bei uns vor Ort angekommen. 

Auch die Digitalisierung ist schon längst bei uns zu Hause eingezogen. Wie viele von Ihnen warten noch auf den Wetterbericht nach der Tagesschau? Und wie viele von Ihnen fragen stattdessen schon Alexa, Siri oder andere Sprachassistenten, ob sie morgens einen Regenschirm einpacken sollen? 

Es gilt, eine ganze Gesellschaft auf ein neues Technologieniveau zu heben. Die Frage ist: Nehmen wir uns alle an die Hand und springen gemeinsam? Oder versucht jeder für sich sein Bestes, so dass einige zurückbleiben? Ich möchte, dass jede und jeder von den technologischen Entwicklungen profitieren, seinen Platz finden und teilhaben kann. Ob alt ob jung, ob technologieaffin oder eher zurückhaltend bei technischen Neuerungen.

Damit wir gemeinsam springen können, brauchen wir vor allem eines: Gute Bildung und Weiterbildung für alle. In den Schulen, in den Berufsschulen, in den Hochschulen - bis ins hohe Alter. Doch lassen Sie uns heute über die Jüngeren sprechen. 

Ich will, dass alle Menschen in unserem Land, entdecken, was in ihnen steckt und ihren eigenen Weg gehen. Leistungsschwächere genauso wie Leistungsstarke. 

Wobei sich Leistung nicht nur durch gute Noten ausdrückt. Die Stipendiatin, die ihr Leben lang mit Mukoviszidose kämpft, dadurch viel Unterricht verpasst hat und trotzdem den Weg an die Uni findet, die hat in jungen Jahren unglaublich viel geleistet. 

Genauso wie die Stipendiatin, die im zarten Alter von 5 Jahren mit ihrer Familie aus Syrien floh, zunächst in Gemeinschaftsunterkünften wohnte, ihren Mittleren Schulabschluss und später auch das Abitur gemacht hat, eine Ausbildung zur staatlichen Erzieherin absolvierte und dann neben ihrem Beruf ein Studium aufgenommen hat. Oder der Stipendiat, der sich schon neben der Schule im Sportverein ehrenamtlich für Kinder engagiert hat. 

Drei Viertel aller Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten engagieren sich ehrenamtlich. Ich habe großen Respekt vor diesen Leistungen, und ich bin froh, dass sie mit dem Deutschlandstipendium honoriert werden.

Aber, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten, wir erwarten auch etwas von Ihnen. Wir erwarten, dass Sie einmal Verantwortung übernehmen, dass Sie Ihrem Land etwas zurückgeben und Zusammenhalt stiften. Jeder auf seine Art und Weise. Der eine engagiert sich gesellschaftlich, der andere schon im Beruf. Zum Beispiel als Lehrkräfte.

Lehrerinnen und Lehrer halten die Zukunft unseres Landes in ihren Händen – unsere Kinder. Sie prägen Generationen von Schülerinnen und Schülern. 

Und wenn es darum geht, eine ganze Gesellschaft auf ein neues Technologieniveau zu heben, tragen unsere Schulen einen großen Teil der Verantwortung. Deshalb nehmen wir viel Geld in die Hand. Um die Schulen fit zu machen für das digitale Zeitalter. Schon Kindergartenkinder gehen heute mit digitalen Medien um. Wer klug damit umgehen soll, muss diese Fähigkeiten für die digitale Welt auch in der Schule erlernen können. 

Gerade in dieser Umbruchphase kommt Lehrerinnen und Lehrern eine neue Verantwortung zu. Da muss ich doch nur an meine eigene Schulzeit denken. Es gibt Lehrer, die prägen mich bis heute.

Computerprogramme unterstützen gute Lehrkräfte, ihre Schüler individuell zu fördern. Das ist wichtig. Aber meint irgendjemand im Ernst, ein Smiley im Computerprogramm könnte die Begeisterungsfähigkeit eines Lehrers ersetzen? 

Gerade in Zeiten der Digitalisierung sind Lehrerpersönlichkeiten wichtig, die ihren Schülerinnen und Schülern Orientierung geben können. Darauf werden die Pädagogen unter Ihnen hinarbeiten.

Menschen können inspirieren, begleiten, bestärken, wenn sie sich mit anderen verbinden. Auch das ist besonders beim Deutschlandstipendium. Da wird nicht einfach jungen Menschen Geld in die Hand gedrückt. 

Das Deutschlandstipendium vermittelt Bindungen: Bindungen zwischen den Studierenden und Professoren, Bindungen der Stipendiaten untereinander. 

Und vor allem haben viele eine ganz besondere Bindung zum eigenen Förderer. Sie sind Vorbilder, sie beflügeln ihre Schützlinge. 

Da ist die Gemeinderätin aus Unterfranken, die privat einer Management-Studierenden den Rücken stärkt, der Zahnarzt aus Düsseldorf, der dem jungen Zahnmedizinstudenten Einblicke in die Praxis gibt oder die Managerin eines Musikverlages, die der jungen Komponistin wertvolle Kontakte vermittelt.

Oft fördern Alumni-Vereine und Freundeskreise der Hochschulen das Deutschlandstipendium. Hier in Dresden ist die „Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden“ seit der ersten Stunde dabei. Bis zu 100 Stipendien jährlich hat sie gestiftet. Herr Professor Müller-Steinhagen, die TU kann sich über diesen Partner sehr glücklich schätzen! 

Manchmal sind es auch einzelne ehemalige Studierende, die ihrer Hochschule weiter verbunden bleiben und das unter anderem mit der Spende von Deutschlandstipendien ausdrücken. Und inzwischen auch ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten. Zum Beispiel haben sich an der TU Kaiserslautern 13 Ehemalige aus verschiedenen Fachbereichen wie Maschinenbau, Wirtschaftswissenschaften und Informatik zusammengetan. Die Gruppe aus Berufsanfängern hilft mit ihrem Knowhow und ihrem Netzwerk nun neuen Deutschlandstipendiaten. 

Deutschlandweit haben allein im letzten Jahr über 7000 Förderer des Deutschlandstipendiums Verantwortung für die Bildung junger Talente übernommen. Darunter sind Privatleute, Vereine, Stiftungen und Unternehmen. Gemeinsam haben sie seit Beginn des Programms 140 Millionen Euro aufgebracht. 

Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank! Ich hoffe, dass sie viele weitere Menschen inspirieren, Deutschlandstipendiaten zu unterstützen.

Das Engagement der Förderer ist für mich nicht nur Zeichen gelungener Bindung, sondern Ausdruck einer neuen Stipendienkultur – einer Kultur, die auf dem Bekenntnis aufbaut: „Miteinander sind wir stark“. 

Das Deutschlandstipendium ist damit weit mehr als ein reines Förderinstrument. Es beweist zugleich, dass unsere „Bürgergesellschaft“ im besten Sinne des Wortes funktioniert. 

Füreinander einzustehen, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen: das sind für mich tragende Säulen unserer Gesellschaft.

Gemeinsame Verantwortung – davon können wir nicht genug bekommen. Hand in Hand begleiten wir unsere jungen Menschen. Und dieses Engagement ist mir sehr ernst – und noch ausbaufähig.

II.

Das Deutschlandstipendium schafft auch in einer anderen Dimension Bindung: zwischen Hochschulen, Förderern und der Region. 

Deutschland hat eine exzellente Forschungslandschaft. Wir haben hochkarätige Universitäten und leistungsfähige Forschungsinstitute überall im Land verstreut. Überall im Land entstehen kluge Ideen. 

Hier in Dresden wurde zum Beispiel eine neue Art von Genschere entwickelt, die demnächst die Therapie von AIDS-Kranken revolutionieren könnte. Vielleicht wird daraus in absehbarer Zeit auch ein Unternehmen. Denn der Wissenschaftler, der diese Genschere entwickelt hat, Professor Buchholz, hat bereits Erfahrungen bei Unternehmensgründungen. 

Kluge und mutige Menschen haben Deutschland schon immer den Fortschritt gebracht, gerade auch Menschen aus der Forschung heraus, die ihre innovativen Ideen auf den Markt bringen. So muss es auch zukünftig sein. Denn aktuell überlassen wir die Wertschöpfung aus unseren Ideen leider noch zu oft anderen. Das ist keine triviale Herausforderung. Denn es erfordert neben gezielten Unterstützungsmaßnahmen auch einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel. 

Es erfordert enge Bindungen zwischen Forschung und Unternehmen. Solche Bindungen kann man nicht von Berlin aus verordnen, sie müssen in den Regionen entstehen. Hierzu leistet das Deutschlandstipendium einen wichtigen Beitrag.

Die TU Dresden gehört zu den Hochschulen, die beim Deutschlandstipendium von Anfang an besonders aktiv und erfolgreich waren und aktiv Bindungen zu den Unternehmen in der Region aufgebaut haben. Bei der Anzahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten war sie im letzten Jahr unter den TOP 5 der deutschen Hochschulen. Meinen Glückwunsch, Herr Prof. Müller-Steinhagen! 

Und Sachsen insgesamt ist das Bundesland mit dem zweithöchsten Anteil an Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten unter seinen Studierenden. 

Es ist mir eine Ehre, dass wir in diesem Jahr zusammen mit der TU Dresden die Jahresveranstaltung ausrichten dürfen. Dafür danke ich Ihnen, Herr Professor Müller-Steinhagen, und allen Beteiligten sehr herzlich!

Danken möchte ich auch den Verantwortlichen in den Hochschulen überall im Land für ihren Einsatz und ihre vielen kreativen Ideen. Viele von Ihnen sind heute hier und werden sich auch morgen beim Fachtag austauschen. 

III.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir leben in Deutschland von unseren klugen, hochqualifizierten Köpfen. Solche Köpfe sind die Deutschlandstipendiaten. Sie haben ihre Talente in allen möglichen Bereichen. Das habe ich anfangs schon erwähnt. 

Einen Bereich möchte ich zum Schluss herausgreifen: Die Studierenden der MINT-Fächer. Sie sind besonders stark unter den Stipendiaten vertreten. Das freut mich besonders. Denn wir brauchen in unserem Land mehr Menschen, die sich für die mathematisch-technischen und naturwissenschaftlichen Fächer begeistern. 

Der Wohlstand Deutschlands hängt an unserer Wettbewerbsfähigkeit. Und unsere globale Wettbewerbsfähigkeit – und damit unser Wohlstand - hängt daran, dass unsere Unternehmen bessere und innovativere Produkte entwickeln. In Zeiten der Digitalisierung braucht man dafür häufig mathematisch-technisches oder naturwissenschaftliches Verständnis. Vielen jungen Menschen stehen gerade in diesen Disziplinen die Türen offen für eine gute Karriereperspektive. 

Denn die PISA-Studie der OECD von 2015 hat ergeben: In anderen OECD-Ländern begeistern sich mehr Fünfzehnjährige für die Naturwissenschaften. Dort wollen auch mehr Jugendliche einen MINT-Beruf ergreifen als bei uns. Und – das tut als Frau besonders weh - selbst die leistungsstärksten Mädchen haben wenig Selbstvertrauen in ihre Fähigkeit, wissenschaftliche und mathematische Probleme zu lösen.

Dabei ist die Liebe am Basteln und Tüfteln vielen Kindern in die Wiege gelegt. Die Leidenschaft und Freude an Wissenschaft und Technik aber wie die Fackel bei den Olympischen Spielen am Brennen zu halten, ist unser aller Aufgabe. Wer sollte das besser können, als die Deutschlandstipendiatinnen und –stipendiaten in den MINT-Fächern und ihre Förderer.

Wobei mir genauso wichtig ist: Wir brauchen nicht nur mehr Studierende in den MINT-Fächern. Ebenso wichtig sind mir die Auszubildenden in diesen Bereichen. Jeder junge Mensch muss seinen Weg gehen dürfen - den Weg, der seinen Fähigkeiten und Wünschen entspricht. Die berufliche Bildung ist in einer sich so schnell und stark wandelnden Zeit neu gefragt. Deshalb werden wir sie gleichwertig neben die akademische Bildung setzen - strukturell, finanziell, aber auch in der Ausstattung. 

Wir brauchen nicht nur hervorragende Hochschulen; wir brauchen auch Top-Berufsschulen und Berufsschullehrerinnen und -lehrer.

Nur dann wird es uns gelingen, dass wir gemeinsam – Hand in Hand - ein neues Technologieniveau erreichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Bindungen im Netzwerk Deutschlandstipendium sind stark. Das Deutschlandstipendium wird weiter an Stärke gewinnen! Gemeinsam können wir es gestalten, damit in Zukunft noch mehr junge Menschen davon profitieren. Junge Menschen, die sich für die Gesellschaft und für ein gutes Zusammenleben engagieren wollen. Junge Menschen, die die Idee des Deutschland-Stipendiums verstanden haben. 

„Netzwerke nutzen. Talente entdecken“ ist daher ein gutes Motto - nicht nur für die heutige Jahresveranstaltung, sondern für das Deutschlandstipendium insgesamt. Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine gute weitere Tagung und interessante Impulse für ihre Arbeit.