Kritik zum Deutschlandstipendium

Das Deutschlandstipendium ist ein Gewinn für Stipendiatinnen und Stipendiaten, Hochschulen, Unternehmen, Stiftungen und private Förderer. Es trägt wesentlich zur Entstehung einer neuen Stipendienkultur in Deutschland bei. Neues ruft aber immer auch Fragen und Kritik hervor. Damit offen umzugehen entspricht dem Deutschlandstipendium mit seiner Förderkultur, die einbezieht, zusammenbringt und verbindet.

Sind 300 Euro monatlich nicht zu wenig, um ein Studium zu finanzieren?

In Deutschland soll jeder und jede, die studieren möchte und dazu grundsätzlich befähigt ist, auch studieren können. Damit das jenen gelingt, die von ihren Eltern nicht oder nicht ausreichend unterstützt werden können, gibt es in Deutschland das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). Die Bundesregierung hat es jüngst den sich wandelnden Lebensumständen angepasst und die Leistung für die Studierenden erhöht. Stipendien fördern hingegen begabte Studierende, die hervorragende Leistungen in Studium und Beruf erwarten lassen und sich sozial engagieren.

Nach der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) verdienen 61 Prozent der Studierenden sich durch Tätigkeiten während des Studiums etwas hinzu. Wer ein Stipendium erhält, ist weniger auf Zuverdienste angewiesen und kann sich voll auf das Studium konzentrieren.

Werden durch das Deutschlandstipendium nicht vorrangig Studierende aus bildungsnahen Elternhäusern gefördert, die eine besondere finanzielle Unterstützung gar nicht brauchen?

Bei der Bewertung der Leistungen werden gemäß dem Gesetz zum Deutschlandstipendium auch die besonderen persönlichen oder familiären Lebensumstände berücksichtigt. Hierzu zählen etwa Krankheiten und Behinderungen, die Betreuung eigener Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger, ein Migrationshintergrund oder die besondere Situation von Studierenden, die als erste aus ihrer Familie ein Hochschulstudium aufgenommen haben. Auch gesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, sollen in die Auswahlentscheidung einbezogen werden.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat eine Begleitforschung in Auftrag gegeben, die unter anderem die soziale Struktur der Stipendiatinnen und Stipendiaten ermittelt hat. Die im März 2016 veröffentlichten Ergebnisse der Begleitforschung zeigen, dass der Anteil der Nicht-Akademikerkinder unter den Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten genau wie bei allen Studierenden 50 Prozent beträgt. Auch in Bezug auf Geschlecht, Alter und Familienstand der Stipendiatinnen und Stipendiaten ist eine soziale Ausgewogenheit zu erkennen. Studierende mit Migrationshintergrund sind im Deutschlandstipendium mit 28 Prozent, im Vergleich zu 23 Prozent bei allen Studierenden, überdurchschnittlich vertreten.

Ist der Einfluss privater Mittelgeber auf die Vergabe des Stipendiums zu groß?

Die Entscheidung über die Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten liegt ausschließlich bei der einzelnen Hochschule. Die Hochschule bestimmt die Zusammensetzung der Auswahlgremien, in denen z.B. die Fachbereiche oder Studierende mitwirken. Vertreter der privaten Mittelgeber können lediglich beratend am Verfahren beteiligt werden; eine Mitentscheidung bei der Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten ist nicht zulässig.

Private Mittelgeber können ihren Beitrag für eine bestimmte Fachrichtung oder einen Studiengang vorsehen. Allerdings muss jede Hochschule mindestens ein Drittel nicht zweckgebundene Stipendien einwerben, damit Studierende aller Studiengänge die Chance auf ein Deutschlandstipendium haben. Entsprechende Befürchtungen aus der Anfangszeit des Deutschlandstipendiums haben sich in keiner Weise bewahrheitet: Die Förderer vergeben insgesamt mehr freie als zweckgebundene Stipendien. Im Jahr 2016 waren 52 Prozent der Stipendien fachlich ungebunden.

Warum werden die MINT-Fächer stärker gefördert?

Als Folge der Zweckbindung (siehe Frage 3) eines Teils der Stipendien werden Studierende der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technikwissenschaften) etwas stärker gefördert als andere. Das ist durchaus gewollt: Das Deutschlandstipendium wurde nicht zuletzt deshalb eingeführt, um künftig dem Fachkräftemangel durch hoch qualifizierte MINT-Absolventinnen und -Absolventen zu begegnen. Private Förderer, insbesondere aus der Wirtschaft, kennen den Bedarf am besten und fördern mit besonderem Engagement den Nachwuchs aus den entsprechenden Studienfächern. Insgesamt ist die Fächerverteilung über die verschiedenen Stipendienprogramme hinweg annähernd ausgeglichen. Denn die ebenfalls vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Begabtenförderungswerke fördern besonders viele Studierende der Geistes- und der Sozialwissenschaften. Zugleich sind Kunsthochschulen im Vergleich zu anderen Hochschularten bei der Einwerbung von Stipendienmitteln sehr erfolgreich und vergeben überproportional viele Deutschlandstipendien.

Warum gibt es zusätzlich zu den bestehenden 13 Begabtenförderungswerken das Deutschlandstipendium? 

Die erprobte und sehr erfolgreiche Arbeit der Begabtenförderungswerke wird mit dem Deutschlandstipendium durch eine Förderung ergänzt, die von den Hochschulen vergeben wird und erstmals private und öffentliche Förderung konsequent miteinander verbindet: Finanziert werden die 300 Euro pro Monat zur einen Hälfte von privaten Förderern und zur anderen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Damit befördert das Deutschlandstipendium eine Vernetzung der Hochschulen mit ihrer Region, das Zugehörigkeitsgefühl der Geförderten zu ihrer Hochschule, den engen Kontakt zwischen Förderern und Geförderten und das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein für Bildung und Begabung. Damit trägt es zu einer neuen Stipendienkultur in Deutschland bei. Ergänzend zu den bewährten Stipendienprogrammen der 13 Begabtenförderungswerke förderte es 2017 politisch, konfessionell und weltanschaulich unabhängig etwa 25.900 leistungsstarke Studierende zusätzlich zu den 29.458 Geförderten der Begabtenförderungswerke.

Sind Hochschulen in wirtschaftlich starken Regionen im Vorteil gegenüber Hochschulen in strukturschwachen Regionen?

Die gesetzlich vorgesehene Evaluation des Deutschlandstipendiums, deren Ergebnisse im März 2016 veröffentlicht wurden, hat untersucht, welche Rahmenbedingungen den bisherigen Erfolg der Hochschulen bei der Akquise von Fördermitteln beeinflussen. Aus der Untersuchung geht hervor, dass an allen Hochschulstandorten die Bedingungen gegeben sind, um ausreichend private Mittel akquirieren zu können. Bei der Untersuchung der regionalen Kontextbedingungen wie etwa Wirtschaftskraft am Hochschulstandort, Qualifikation der Einwohnerinnen und Einwohner sowie Beschäftigungsquote zeigt sich praktisch kein Einfluss auf den Fördererfolg. Auch andere Faktoren, wie z.B. das Fachangebot spielen keine große Rolle. Des Weiteren zeigt die Analyse: Je länger Hochschulen am Programm teilnehmen, desto höher wird ihre Förderquote. Insgesamt erkennen viele Hochschulen den Nutzen einer Teilnahme am Deutschlandstipendium. Mehr noch: Sie verbinden auch eigene strategische Ziele damit.

Trifft das Deutschlandstipendium auf die gewünschte Resonanz?

Etwa 25.900 Studierende erhalten das Deutschlandstipendium 2017, wenige Jahre nach seiner Einführung. Zum Vergleich: 29.458 Studierende erhalten ein Stipendium von einem der 13 bundesweit tätigen Begabtenförderwerke. Den Erfolg des Deutschlandstipendiums haben rund 7.000 private Mittelgeber möglich gemacht. Weitere Bemühungen sind notwendig, damit künftig noch mehr Studierende von diesem Programm profitieren.

Beteiligen sich alle Hochschulen am Deutschlandstipendium? 

Die Hochschulleitung muss für das Deutschlandstipendium nachhaltige Strukturen schaffen und Mittel von privaten Förderern einwerben. Davor scheuen manche Hochschulen zurück. Gleichwohl nehmen gegenwärtig bereits 304 Hochschulen am Programm teil. Entscheidend ist: An diesen Hochschulen studieren über 90 Prozent der Studierenden in Deutschland. 90 Prozent der staatlichen Hochschulen sind dabei, und jährlich kommen weitere Hochschulen dazu. Studierende an zahlreichen kleinen Hochschulen absolvieren ein berufsbegleitendes Studium. Sie haben einen Arbeitgeber und ein Einkommen und sind nicht auf ein Stipendium angewiesen.

Der Bundesrechnungshof moniert, dass ein großer Anteil der öffentlichen Mittel in Aufwendungen für Werbung und Mittelakquise fließt. Wie lässt sich dieser hohe Anteil erklären?

Das 2011 gestartete Deutschlandstipendium ist ein junges und neuartiges Programm. Erklärtes Ziel ist es, wesentlich zu einer neuen Förder- und Stipendienkultur in Deutschland beizutragen. Da jedes Deutschlandstipendium zur Hälfte von privaten Förderern kommen muss, war und ist es in den ersten Jahren von entscheidender Bedeutung, das Programm bekannt zu machen.

Sämtliche Stipendiengelder kommen ohne Abzüge den Stipendiatinnen und Stipendiaten zugute. Der Bundesrechnungshof legt der Berechnung des prozentualen Anteils der Mittel für Werbung und Akquise ausschließlich die Bundesmittel zu Grunde. Bei genauer Betrachtung des Programms müssten hingegen auch die privaten Fördermittel in eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung hinsichtlich eingesetzter Stipendienmittel versus Aufwendungen für das Programm einbezogen werden.

Mit zunehmender Bekanntheit sind Investitionen in Kommunikation und Marketing weniger notwendig. Das zeigt die Entwicklung der ersten Jahre. 2011, im ersten Jahr, lag der sogenannte Durchführungsaufwand bei rund 30 Prozent, 2015 war er bereits auf 10 Prozent gesunken.