Kassensturz: Wo steht das Deutschlandstipendium?

120 Förderer, 605 Stipendiaten, 1,5 Millionen Euro eingeworbene Mittel - Angela Poth und ihr Team von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen zählen zu Deutschlands erfolgreichsten Fundraiserinnen.

Ein Gespräch mit Bildungsfundraiserin Angela Poth

120 Förderer, 605 Stipendiaten, 1,5 Millionen Euro eingeworbene Mittel - Angela Poth und ihr Team von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen zählen zu Deutschlands erfolgreichsten Fundraiserinnen. Wie es geht, was noch geht und wie man es besser macht, verrät sie im Interview.

Angela Poth

Fundraising-Expertin Angela Poth.

© lichtografie 2012

Knapp 11.000 Deutschlandstipendien sind vergeben. Wie sieht es derzeit an Ihrer Hochschule aus?

Wir haben inzwischen 120 engagierte Förderer, die von der Hochschule und von proRWTH, unserer Freundesgesellschaft, akquiriert wurden, und über 605 nicht minder engagierte Stipendiatinnen und Stipendiaten. 491 Deutschlandstipendien, 114 NRW-Stipendien (Vorgänger-Modell, Anmerkung der Redakion) - insgesamt haben wir dafür bisher rund 1,5 Millionen Euro an Mitteln eingeworben. Wir können also ganz zufrieden sein.

Eine kanadische Studie hat jüngst ergeben, dass der Studienstandort Deutschland international an Attraktivität gewinnt auch wegen des Deutschlandstipendiums. Eine Steilvorlage für Deutschlands Fundraiser?

Für potenzielle Förderer ist die Aussage der Studie zumindest ein Argument. Der Wettbewerb um junge Talente hat sich mit Blick auf den Fachkräftemangel verschärft, Arbeitgeber müssen den Nachwuchs mit attraktiven Angeboten von sich überzeugen. Und als ein solches wird das Deutschlandstipendium von immer mehr Förderern wahrgenommen.

Bedeutet das, dass sich das Deutschlandstipendium inzwischen stärker herumgesprochen hat?

Auf jeden Fall. Das Thema wird kommuniziert, nicht immer nur positiv - leider. Aber viele potenzielle Förderer wissen inzwischen, wovon wir reden. Und immer mehr Förderinteressierte kommen sogar von sich aus auf die Hochschulen zu.

Sie ärgern sich darüber, dass es auch kritische Töne zum Deutschlandstipendium gibt?

Ich befürchte, dass das Deutschlandstipendium unnötig schlecht geredet wird, weil manchen nicht klar ist, was insbesondere der Austausch zwischen Förderern und Geförderten alles ermöglicht. Viele Studierende erhalten auf diese Weise einen Zugang zu Karrierenetzwerken, den sie sonst nicht hätten.

Einige Förderer haben zu Beginn des Programms keinen Kontakt zu ihren Stipendiaten bekommen. Die Hochschulen beriefen sich auf den Datenschutz.

Zweifellos müssen wir den Datenschutz beachten und können den Austausch auch nicht erzwingen. Die Studierenden, die kein Interesse an einem Kontakt zu den Förderern haben, bilden aber eine Minderheit. Die meisten Hochschulen unterstützen den regelmäßigen Austausch durch Vergabefeiern, gemeinsame Veranstaltungen oder auch durch besondere Programme. Soweit ich das beurteilen kann, ist das Deutschlandstipendium in vielen Hochschulen sehr gut angelaufen.

Und die Förderer bleiben am Ball?

Unsere Erfahrungen auch mit dem Vorgänger-Modell haben gezeigt, dass sich in jedem Jahr mehr als 90 Prozent der Förderer für eine Verlängerung entschieden haben. Grundsätzlich sehen viele Förderer das Deutschlandstipendium als langfristiges Engagement. Vor allem, wenn sie die Studierenden persönlich kennenlernen.

Was raten Sie anderen Fundraisern, gibt es ein Erfolgsrezept?

Es geht nur Schritt für Schritt. Entscheidend ist, dass die jeweilige Hochschulleitung wirklich hinter dem Programm steht. Die Rektorinnen oder Rektoren sind die Zugpferde. Wenn sie die Förderer nicht ansprechen, bleibt es schwer. Viele Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten gehen da mit gutem Beispiel voran, etwa auch indem sie selbst fördern.

Nur rund ein Drittel der deutschen Hochschulen beschäftigen derzeit einen Fundraiser. In den USA und in Großbritannien werben professionelle Fundraiser ganz andere Summen ein. Wird sich das hier ähnlich entwickeln?

Den oft gezogenen Vergleich mit den USA oder Großbritannien halte ich für problematisch. Diese Länder haben traditionell ein gänzlich anderes Hochschulfinanzierungssystem, die Menschen dort ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Hochschulen. Aber das Thema wird mehr und mehr kommen, und das ist doch auch erfreulich! Das Deutschlandstipendium hat bewiesen, dass es funktionieren kann, Gelder einzuwerben. Und dass es viele Förderer gibt, die das Thema Bildung unterstützen wollen. Ich bin sicher, gut ausgebildete Fundraiserinnen und Fundraiser werden zunehmend gefragt sein.

Zur Person

Angela Poth ist Vorsitzende der Fachgruppe der Bildungsfundraiser im Deutschen Fundraising Verband. Die 34-jährige Kommunikationswissenschaftlerin kümmert sich an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen seit dem Wintersemester 2009/2010 um die Akquise von Fördermitteln für Stipendien, zunächst für das "NRW-Stipendium" und seit 2011 für das Deutschlandstipendium.