Plädoyer für Philanthropie

Keynote von Thomas Sattelberger, Vorstand des Beirates Deutschlandstipendium und ehemaliger Personalvorstand der Deutschen Telekom AG, anlässlich des Dialogs "Viel erreicht, viel vor – das Deutschlandstipendium" am 30. Mai 2012 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Thomas SattelbergerFoto | BMBF: Thomas Sattelberger, Vorsitzender des Beirates Deutschlandstipendium, setzt sich für eine Ethik des Förderns ein, © 2012Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, werte Gäste,

als Sie, liebe Frau Quennet-Thielen, mich vor über einem Jahr fragten, ob ich in dem Beirat mitwirken würde, war ich richtig begeistert. Nachdem ich die sarkastischen Kommentare in den Medien über dieses Projekt, das ja so wichtig und so gut für unser Land ist, gelesen hatte, war das für mich genau der Anreiz, "Ja" zu sagen. Denn was gibt es eigentlich Schöneres, als auf dem Gebiet der Bildung ein solches Unterfangen sowohl als Unternehmen, wie auch als einzelner Mensch zu begleiten, bei dem man der Gesellschaft und ihren Hochschulen zumindest ein kleines Stück von dem zurückgibt, was einem selbst in Form von Bildung gegeben wurde, was den Unternehmen als Talent gegeben wurde, und was der Gesellschaft als Humankapital gegeben wurde?

Damit habe ich aber auch zwei Themen angesprochen, ohne die es beim Deutschlandstipendium im Vollausbau nicht gehen wird:

1. Die zivilbürgerliche Tugend der Philanthropie:

George Kirstein, der ehemalige Herausgeber der renommierten US-Wochenzeitung "The Nation", hat das trefflich ausgedrückt: "Abgesehen von der Wahlurne bietet Philanthropie die einzige Möglichkeit, die das Individuum hat, zum Ausdruck zu bringen, in welche Richtungen sich die Gesellschaft entwickeln soll." Die Betonung liegt hier auf der individuellen Tat, also nicht im Gruppenhandeln.

2. Die zivilbürgerliche Tugend der respektvollen Beziehungsgestaltung:

Sie drückt sich im Umgang auf wechselseitig wertschätzender Augenhöhe aus. Eine Beziehung zwischen Hochschule und Geber, nicht auf rein ökonomistischer Grundlage im Sinne von: Ich gebe, damit ich bekomme, ich gebe, damit ich diesen jungen Menschen rekrutieren kann – sozusagen Geld gegen Ware. Eine Beziehung auch nicht nur auf der Ebene der rationalen, utilitaristischen Investorenbeziehung im Sinne von: Ich gebe, damit ich mittelfristig ernten kann, return on invest.

Zur Philanthropie gehört neben dem rationalen Kalkül und vielleicht dem versteckten Stück Egoismus eben auch das seelische Motiv der Menschenliebe. Dass ich gebe, auch wenn ich vielleicht nichts zurückerhalte. Also Philanthropie nicht im Sinne einer Tugend weniger mächtiger Reicher wie Buffet, Gates, Getty oder Schmidheiny, sondern im Sinne von Plutarch, dem griechischen Philosophen, der die Philanthropie beschrieben hat mit Eigenschaften wie: "großzügig", "fürwollend", "nächstenliebend".

Ich betone das deswegen so kräftig, weil ich schon auch wahrnehme, dass gerade in Deutschland die Philanthropie eher ein Stück unterentwickelt ist. Marita Haibach schreibt in ihrem Handbuch Fundraising, das sich ja vor Jahren zu einer Art Bibel auf dem Gebiet entwickelt hat: "In Deutschland und in Europa ist die Philanthropie eine private Tugend, die auch historisch gesehen nur die Lücken füllt, welche der Staat lässt."

Vor dem Hintergrund der starken Bedeutung des Staates, wie sie Fichte, Herder und Hegel hervorhoben, sowie der Entwicklung zum deutschen Wohlfahrtsstaat, die Otto von Bismarck durch den gesetzlich verankerten Zugang der Arbeiterschaft zur öffentlich-rechtlichen Vorsorge einleitete, entwickelte sich in Deutschland gleichzeitig eine Kultur der Delegation der Verantwortung für das Gemeinwohl an den Staat, und damit die Übernahme der Verantwortung durch die öffentliche Hand, die sozusagen als mächtigster Philanthrop die Steuergelder einnahm, umverteilte und wieder ausschüttete: Warum sollen Unternehmen betriebliche Kinderbetreuungs-Infrastrukturen finanzieren? Wir zahlen doch Steuern! Warum sollen wir Studiengebühren zahlen? Kostenlose Bildung ist doch anzubietende Aufgabe des Staates! Warum sollen wir Stipendien vergeben? Das ist doch die Aufgabe der öffentlichen Hand!
Der Forscher Lester Salamon von der Johns Hopkins University beschreibt die unterschiedliche angelsächsische Philanthropie-Geschichte, in der nicht nur von jedem erfolgreichen Unternehmer erwartet wird, dass er der Gesellschaft etwas zurückgibt, sondern dass es auch zum nationalen Selbstverständnis gehört, dass sich zum Beispiel 50 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ehrenamtlich betätigt – gegenüber Deutschland bei ungefähr 25 Prozent. Dass laut Emnid der Anteil spendender Bürger in den USA mit 70 Prozent fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland. Und die Spender sind auch spendabler: In Deutschland geben sie 0,4 Prozent, in den USA 2,0 Prozent des verfügbaren Einkommens für gemeinnützige Zwecke aus und hier ist die Kirchensteuer mit eingerechnet.

Und was mindestens so wichtig ist: Durch eine breite, fest verwurzelte Kultur des oft, des immer öfter und des immer wieder Gebens entwickelt sich eine emotionale Beziehung, ein Spirit, eine innere Verbundenheit, eine Identifikation anstelle des spröden und nackten Aktes der Zuweisung von Steuergeldern.

Lassen Sie mich ein kurzes Zwischenfazit ziehen:

Das Deutschlandstipendium ist ein sehr bewusster Akt, um a) das Zivilbürgerliche in der Spendenkultur Deutschlands weiter zu fördern und um b) auch und gerade im Bildungssektor die Kultur der Ab-Teilung zwischen öffentlicher und privater Handlungssphäre, die Kultur der Abgrenzung oder Nichtverantwortung aufzuweichen. Der Bildungsbereich der Zukunft kann nur als eng verzahntes System von Co-Investoren erfolgreich sein.
Das Deutschlandstipendium hat zudem im Unterschied zu nicht wenigen Begabtenförderungswerken der Republik keine sozial-elitäre Ausrichtung nach dem Prinzip: Bildungsbürger fördern Bildungsbürger, oder: Wer hat, dem wird dann auch noch gegeben.

Das Deutschlandstipendium, gut durchdacht und angewandt, fördert soziale Durchlässigkeit. Das muss allerdings dann auch klar und deutlich von den Gebern wie den Empfängern kommuniziert werden. Und vielleicht könnte das Ministerium, sehr geehrte Frau Staatssekretärin, hierauf in der begleitenden Forschung zum Deutschlandstipendium ein ganz besonderes Augenmerk richten.

Ich schätze den Soziologieprofessor Michael Hartmann von der TU Darmstadt ausgesprochen für seine Eliteforschungen. Aber dem Deutschlandstipendium eine Umverteilung von unten nach oben zu unterstellen, weil Hochschulen wegen des Arbeitsaufwandes nur auf erbrachte, formale Studienleistungen setzen würden, das wird den Anstrengungen der Hochschulen – und viele davon sitzen hier im Raum – nicht gerecht. Hier setzt das Deutschlandstipendium andere, bessere Zeichen.

Zum Ende meiner Ausführungen möchte ich noch einen speziellen Fokus auf einige Akteure im Gebersystem setzen: auf die Hochschule und ihre Alumni und auf die Unternehmen. Lassen Sie mich bei den Unternehmen beginnen:
Ich habe schon ausgeführt, dass Stipendienfinanzierung aus rein taktischen Rekrutierungsinteressen heraus mittelfristig nicht tragfähig ist. Aber eines ist auch richtig: Stipendienfinanzierung eröffnet einen neuen Talentpfad durch freiwillige Beziehungsangebote wie Gesprächsrunden, Schnuppertage und Praktika. In großen Unternehmen wird dann vollmundig von Mentoring-Systemen, Kaminabenden und Workshop-Reihen gesprochen. Aber bitte mit hohem Respekt vor Absagen oder vor Nichtbeteiligung, denn auch das ist ein Gegenstand der Freiwilligkeit in der Beziehung zwischen Geber und Nehmer.

Gerade für mittlere und kleinere Unternehmen, die sich eben keine riesigen Rekrutierungsapparate leisten und die übrigens oft auch keinen nachhaltigen Anschluss an regionale Hochschulen haben, ist es ein sparsamer und gleichzeitig kluger Weg, den sie beschreiten können, um die Brücke zur Hochschule zu gestalten. Spiegelbildlich gilt das natürlich auch für regional geprägte Hochschulen, denn diese Form der Private-Public-Partnerschaft ermöglicht, dass sie sich bestens mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen KMU-Umfeld in der Region vernetzen können.

Ich muss Ihnen sagen: Eine der Aktivitäten, die mich am meisten beeindruckt hat, ist der schon 2006 gegründete Studienfonds Ostwestfalen-Lippe der Universitäten Bielefeld und Paderborn, der Fachhochschule Bielefeld, der Hochschule Ostwestfalen-Lippe und der Hochschule für Musik in Detmold, die zusammen mit Unternehmen, Stiftungen, Vereinen, Kreisen, Kommunen, Landrat sowie Privatpersonen ein ganz leistungsstarkes Netz der immateriellen und materiellen Förderung gebildet haben mit über 600 Stipendiaten seit 2006.

Neben Unternehmen sind die Privatpersonen Hauptsponsoren, und hier vor allem die Alumni der jeweiligen Hochschulen. Alumnus leitet sich von dem lateinischen Verb alare ab, das mit nähren, ernähren, aber auch mit fördern übersetzt werden kann. Alumni sind also die Genährten, die Zöglinge, die Ehemaligen einer Hochschule und oft auch die Angestellten und Lehrenden, also alle Hochschulmitglieder. Die Idee lebenslanger Verbundenheit zur Alma Mater hatte übrigens ihren Ursprung schon im 13. Jahrhundert an den Universitäten Oxford und Cambridge, und inzwischen nicht nur als finanzieller Geber, sondern auch als Ratgeber, Arbeitgeber, als Vorbild für Studierende, als Lehrer aus der Praxis oder Coach für einzelne Studierende.

In vielen Ländern der Welt ist es für Alumni geradezu eine moralische Pflicht und Selbstverständlichkeit, ihre Alma Mater in vielfältiger Weise zu unterstützen und danke zu sagen für die substanzielle fachliche Bildung, für die Impulse zur persönlichen Entwicklung und die Anregungen für ein erfolgreiches Leben und Berufsleben. In Deutschland hat sich dieses umfassende, ja fast Kultur stiftende Verständnis von Alumni-Arbeit bisher noch nicht so ganz eingestellt. Es blieb eher ein Werk von Einzelpersonen, von wenigen Engagierten. Zum Warum lassen sich Hypothesen bilden:

Eine ganz nüchterne finanzielle: Das Einwerben zusätzlicher Gelder war systematisch gar nicht nötig, da deutsche Universitäten bis Ende des ersten Weltkrieges unter der Kuratel ihres jeweiligen Landes standen und ausreichend finanziert wurden. Ein Usus, der sich ja eigentlich bis heute ein Stück fortsetzt.

Zweitens: Hochschulen mussten ja lange nicht intensiv um Profilbildung ringen. Es war gar keine Notwendigkeit da, Alumni zu haben als Botschafter des guten Rufes, als ein in der Gesellschaft verankertes Netzwerk, als Ambassadore für Talentanziehung, als Leuchttürme für berufliche Modellkarrieren, als systematische Finanzierungsquelle - nicht als Lückenfüller oder temporären Reparaturbetrieb.

Und natürlich gibt es immer noch - zwar abnehmend - Hochschulen, die sich nur als technische, quasi autistische Produktionsstätten von Absolventen sehen und nicht als Nukleus für gesellschaftliches Humankapital, für in Beziehungen wirkendes Sozialkapital und für in die Gesellschaft wirkendes Nachhaltigkeitskapital. Und natürlich haben diese zunehmend weniger werdenden Hochschulen auch wenig Inspiration und Aspiration für die langfristige Investition – für alles, was außerhalb "ihrer Fabrik" passiert.

Insofern hat Dr. Arend Oetker, Unternehmer und Präsident des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft, vollkommen Recht, wenn er fordert, dass erfolgreiche Alumni-Arbeit am ersten Hochschultag beginnt und dass manche Hochschulen in der Beziehungspflege zu den eigenen Absolventen noch kräftig umdenken müssen. Die US-Universität Yale hat 40.000 bis 50.000 Spender im Jahr. 45 Prozent der Alumni spenden jedes Jahr: manche Kleinstbeträge, manche Millionen. Und der viel zitierte Professor Werner Müller-Esterl – das war jüngst schon ein richtig guter Artikel, ein spannendes Feuilleton zum Thema Stipendienkultur und Deutschlandstipendium - sagt natürlich auch: Universitäten, die ihren Studierenden nicht nur eine Matrikelnummer verpassen, sondern sie mit Förderung und mit Begleitprogrammen willkommen heißen, werden im Ringen um Talent die Nase vorne haben, sie werden aber auch Menschen gewinnen, die sich zu ihrer Universität, ihrer Stadt und ihrem Land bekennen und nebenbei eine gute Stipendienkultur mitbegründen.

Ich hatte jüngst Gelegenheit, eine ganz spannende Initiative ein Stück mit zu beobachten: Die Mitglieder der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum beteiligen sich unter dem Motto "Für unsere Studierenden ist kein Weg zu weit" am 5 Kilometer Bochumer Campus-Lauf und die, die sich noch ein bisschen mehr zutrauten, mit 21 Kilometern auch am Halbmarathon-Lauf, und werben dafür Stipendien für die Nachwuchstheologen und -theologinnen ein - ein ganz schönes Beispiel auch in anderer Richtung.

Denn natürlich darf – und das muss immer wieder auch an die Adresse der Wirtschaft gerichtet werden – das Deutschlandstipendium kein Oligopol für Betriebswirtschaft und Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sein.

In diesem Sinne kann ich nicht nur alle Hochschulen, sondern auch Alumni und Unternehmen ermuntern, im Dienste einer guten Sache neben der Förderung von Talent und Begabung in diesem Lande durch die Kultur des Gebens auch die Kultur wechselseitiger Wertschätzung zu verstärken.

Recht herzlichen Dank.

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