"Das Deutschlandstipendium kommt an"

Eröffnungsrede von Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, anlässlich des Dialogs "Viel erreicht, viel vor - das Deutschlandstipendium" am 30. Mai 2012 in Berlin

Es gilt das gesprochene Wort!

Foto der Staatssekretärin Quennet-Thielen während der RedeStaatsekretärin Cornelia Quennet-Thielen: "Die Statistik belegt, das Deutschlandstipendium kommt gut an.", © BMBF 2012Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im dritten Jahrhundert vor Christus sprang eines Tages ein Mathematiker aus der Badewanne, vergaß vor lauter Aufregung, sich eine Tunika überzuwerfen, rannte durch die Straßen von Syrakus und rief "Heureka! – Ich hab’s entdeckt!" Der Mann hieß Archimedes, und das Neue, das er gefunden hatte, war das Prinzip der Wasserverdrängung.

Wie kommt das Neue in die Welt? Was befähigt Menschen dazu, neue Ideen zu entwickeln, im Wettbewerb mit anderen mitzuhalten, ihrer Existenz einen Sinn und ein Ziel, Schönheit und Stimmigkeit zu geben? Die schöne Geschichte vom Vollbad in Syrakus ist eher untypisch. Und heute herrscht vielfach die Auffassung vor, dass Innovation ebenso viel mit beharrlichem Handwerk wie mit genialen Einfällen zu tun hat. Aber unabhängig davon, wie man beides gewichtet: Unsere Gesellschaft braucht beides. Sie braucht neue Ideen – und sie braucht die stete Bereitschaft, an diesen Ideen zu feilen, Gutes noch besser zu machen und es auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Geistesblitze kann man nicht verordnen. Kreativität lässt sich nicht planmäßig erzeugen. Aber sie lässt sich fördern, indem wir gute Rahmenbedingungen und Freiräume schaffen. Und vor allem indem wir begabte junge Menschen, die fähig und bereit sind, mehr zu leisten als andere, so wertschätzen, wie sie es verdienen.

Vor einem Jahr hat die Bundesregierung das Deutschlandstipendium eingeführt: Als zusätzliches Instrument der Studienfinanzierung, vor allem aber als etwas Neues, das helfen soll, das Neue in die Welt zu bringen.

Wir feiern heute also einen ersten Geburtstag – und zugleich den Anfang einer Erfolgsgeschichte. Das Deutschlandstipendium hatte einen guten Start. Bereits nach wenigen Monaten war es an den meisten Hochschulen in Deutschland etabliert.

Es war mir wichtig, mit dem heutigen Tag eine Gelegenheit zu schaffen, uns über die Erfahrungen im ersten Jahr des Deutschlandstipendiums auszutauschen. Eines ist klar: Das Neue braucht immer Zeit zu reifen – und Zeit, noch mehr Verbreitung und Anerkennung zu finden. Was können wir noch besser machen? Wie gewinnen wir noch mehr Förderer? Wie kann eine ideelle Förderung aussehen und wie die Beziehung zwischen Stipendiat und Förderer? Wie sieht gutes Fundraising aus? Und warum sind einige Hochschulen so erfolgreich? Das sind nur einige der Fragen, die wir heute miteinander diskutieren wollen. Dass Sie diese Fragen für hoch relevant halten, das beweist die große Resonanz, das beweisen Sie, die Sie von nah und fern gekommen sind.

Das Neue braucht Begeisterte, die es in die Welt tragen. Es braucht Unterstützer, die sich die Idee zu Eigen machen, und ihr damit zugleich eine eigene Prägung geben. Sie tun dies – und dafür möchte ich Ihnen allen, auch im Namen von Bundesministerin Annette Schavan, ganz herzlich danken. Ohne Ihre Mitarbeit und Ihre Begeisterung stünden wir heute nicht hier!

  • Damit meine ich die Hochschulpräsidentinnen und -rektoren, die das Deutschlandstipendium zur Chefsache gemacht haben.
  • Ich meine die Fundraiser an den Hochschulen, die erkannt haben, welches Potenzial für die private Unterstützung insgesamt im Deutschlandstipendium steckt.
  • Ich meine die Professorinnen und Professoren, die für das Stipendium werben und mitunter auch ganz unkonventionell dazu beitragen, die privaten Mittel zusammenzubringen. Vielleicht haben Sie vom Vizepräsidenten der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Manfred Schubert-Zsilavecz gehört, der als DJ Geld für Deutschlandstipendien sammelt.
  • Ich meine die privaten Mittelgeber, ohne die dieser Erfolg nicht möglich wäre. – Danke für Ihre vielfältige Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.
  • Ich meine die Partner des Deutschlandstipendiums und der heutigen Veranstaltung: Die Hochschulrektorenkonferenz, den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und den Beirat des Deutschland-Stipendiums.

Ihnen allen herzlichen Dank!

Das Deutschlandstipendium ist im Sommersemester letzten Jahres als größtes öffentlich-privates Projekt im Bildungsbereich gestartet, das es in Deutschland je gab.

5.400, ganz genau: 5.375 Deutschlandstipendien allein im Jahr 2011. Das ist die amtliche Zahl, die das Statistische Bundesamt gestern in der ersten Statistik zum Deutschlandstipendium veröffentlicht hat. Das ist ein großer Erfolg!

5.400 Stipendien bedeuten: Unternehmen, Stiftungen und Privatpersonen haben 2011 rund 10 Millionen Euro zum Deutschlandstipendium beigetragen. Die Förderung begabter junger Menschen ist ihnen ein Herzensanliegen – und zugleich in ihrem ureigenen Interesse.

5.400 Stipendien: Damit hat sich die Zahl der vom Bund mitfinanzierten Stipendien insgesamt seit 2005 mehr als verdoppelt. Wir sind auf gutem Weg zu einer neuen Stipendienkultur. Gemeinsam werden wir sie ausbauen und verstetigen!

5.400 Stipendien sind aber vor allem: 5.400 begabte, leistungsstarke und engagierte Studierende. "Das Deutschlandstipendium bedeutet Anerkennung unserer Leistung – und wir können uns voll aufs Studium konzentrieren", hat kürzlich eine Stipendiatin gesagt.

Vom Deutschlandstipendium profitiert unser Land insgesamt. Es ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein oder in den Worten eines Förderers: "Das Deutschlandstipendium hat es geschafft, Engagement und Talent in den Mittelpunkt der Hochschulen zu rücken."
Kein Zweifel: 5.400 Deutschlandstipendien bedeuten auch eine Menge Arbeit. Arbeit für die Hochschulen bei der Entwicklung und Durchführung von Auswahlverfahren, bei der Akquise privater Fördermittel, bei der Kontaktpflege zu den Förderern. Arbeit auch bei den Länderministerien, die das Stipendienprogramm und seine Umsetzung konstruktiv unterstützen und administrativ begleiten.

Schon im ersten Jahr des Deutschlandstipendiums haben sich drei Viertel aller Hochschulen an dem neuen Programm beteiligt. Zwei Drittel davon haben ihre Höchstförderquote von 0,45 Prozent voll ausgeschöpft. Das sind ermutigende Erfolge, meine Damen und Herren. Und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg: Wenn die konkurrierende Hochschule Stipendien sehr erfolgreich einwirbt und ein starkes, sichtbares Netz an Förderern in der Region entwickelt; wenn Studierende ihre Hochschule fragen, warum sie keine Deutschlandstipendien anbietet oder ihre Quote nicht ausschöpft, dann wird das seine Wirkung nicht verfehlen – davon bin ich überzeugt, auch dank so mancher Beispiele.

Für uns war all dies Ermutigung und Anreiz, die Quote in diesem Jahr 2012 auf ein Prozent anzuheben. Anspruchsvolle Ziele motivieren – auch wenn sie nicht stets auf Anhieb erreicht werden!

Das BMBF gibt nicht nur Ziele vor, es unterstützt die Hochschulen auch mit zusätzlichen Maßnahmen dabei, die Ziele zu erreichen.

  • Die Akquisekostenpauschale deckt zumindest einen Teil des Aufwands.
  • Kostenlose Schulungsangebote für die Hochschulen tragen dazu bei, das Fundraising zu professionalisieren.
  • Eine kostenlose Software macht die Verwaltung des Deutschlandstipendiums für die Hochschulen einfacher.
  • Die vom BMBF finanzierte Servicestelle für das Deutschlandstipendium beim Stifterverband ist ein wichtiger Anlaufpunkt für potenzielle Mittelgeber, aber auch für Hochschulen, die noch nicht viel Erfahrung im Fundraising haben.

Die gestern vorgestellte Bundesstatistik enthält nicht nur Zahlen zum Deutschlandstipendium, sie macht auch qualitative Aussagen. Und die sind durchweg sehr erfreulich.

Was hatten Kritiker nicht alles schon vorher gewusst!

  • Nur Hochschulen in wirtschaftsstarken Regionen würden genügend Förderer finden.
  • Es würden nur Mittel für Stipendien in "wirtschaftsnahen" Fächern zur Verfügung gestellt.
  • Es würden ohnehin nur Studierende aus besser gestellten Elternhäusern gefördert.

Das alles hat sich nicht bewahrheitet. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass über 50 Prozent der 2011 eingeworbenen Stipendienmittel von den Förderern ohne Zweckbindung vergeben wurde – weit mehr, als das gesetzlich vorgeschriebene Minimum von einem Drittel.

Wir wissen inzwischen, dass auch Hochschulen jenseits der starken Wirtschaftsregionen genug Förderer finden. Darunter sind kleine Hochschulen wie die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde in Brandenburg ebenso wie die Uni Bochum mitten im Ruhrgebiet.

Und schließlich zeigt die Bundesstatistik, dass der Anteil der BAföG-Empfänger unter den Stipendiaten mit etwa 24 Prozent in der gleichen Größenordnung liegt wie in der Studierendenschaft insgesamt. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten bilden in sozialer Hinsicht einen Querschnitt der Studierenden in Deutschland. Das spricht für sozial sensible Auswahlverfahren an den Hochschulen. Und es bestätigt: Es war richtig, dem Gesetz einen breiten Begriff von Leistung und Begabung zugrunde zu legen. Dieser schließt soziales Engagement und die Überwindung von Hürden im eigenen Lebensweg mit ein.

Meine Damen und Herren, das erste Jahr Deutschlandstipendium lässt sich auf drei Begriffe bringen: Arbeitsreich. Ideenreich. Erfolgreich.
Mich hat es sehr beeindruckt, mit wie viel Begeisterung und wie vielen neuen Ideen die Hochschulen das Stipendienprogramm aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Ich denke zum Beispiel an die vielfältigen Ansätze, sich als Hochschule mit den Stipendiaten ebenso wie die Stipendiatinnen und Stipendiaten untereinander zu vernetzen, Kontakte zwischen Förderern und Geförderten herzustellen oder ein ideelles Begleitprogramm zu gestalten. Mentoring, regionale Projektarbeit, soziale Projekte der Studierenden in ihrer Stadt – Begabtenförderung kann so viel mehr sein als nur mehr Geld auf dem Konto!

Immer wieder haben mir Hochschulen berichtet, dass sie durch das Deutschlandstipendium einen ganz neuen Blick auf ihre vielen bemerkenswerten, sozial engagierten, verantwortungsbereiten Studierenden gewonnen haben und das Deutschlandstipendium stärkt auch ihr Profil: Bildungsgerechtigkeit beispielsweise oder die Förderung talentierter Studierender mit Migrationshintergrund werden zu öffentlich wahrnehmbaren Anliegen der einzelnen Hochschule.

Beeindruckt hat mich auch die Vielfalt der privaten Mittelgeber: Da gibt es Firmen, Privatmäzene und Fördervereine, die sich bereit erklärt haben, eine größere Anzahl Stipendien zu finanzieren. Genauso wichtig sind Vereine der Freunde, Kammern und Kleinunternehmen: Bis hin zu Pizzerien oder Parfümerien, die einzelne Stipendien übernommen haben. Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen, die mir besonders aufgefallen sind:
Das Seniorenwohnheim Brühl hat sich entschlossen, eine Bachelor-Studierende im Fach Physiotherapie zu unterstützen.
In Dresden gibt es den Verein Prophil für starke Geistes- und Sozialwissenschaften an der dortigen TU. Er wird wesentlich von Studierenden getragen, und die haben sich für die Finanzierung eines Stipendiums eine eigene Kampagne ausgedacht. Sie heißt: "Mit einem Euro ein Stipendium ermöglichen". Tatsächlich sind 1.800 Euro für ein Jahr zusammengekommen. Die nächste Kampagne läuft.

Gerade die Vielfalt der privaten Mittelgeber unterstreicht: Bildung und Begabtenförderung sind eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Jeder und jede kann etwas dafür tun, dass unser wichtigstes Gut, talentierte junge Menschen, gefördert wird. Die Bereitschaft dazu ist groß.

Sie sehen also: Durch das Deutschlandstipendium ist viel Neues in die Welt gekommen. Das Programm hat Phantasie und Ideen freigesetzt. Sie haben dazu beigetragen. Dafür nochmals meinen herzlichen Dank!

Gehen Sie diesen Weg weiter mit! Machen Sie Ihren Stipendiatinnen und Stipendiaten Angebote für den Austausch, für Praktika, und, gemeinsam mit der Hochschule, für die ideelle Förderung. Wir wollen, dass das Deutschlandstipendium kontinuierlich wächst. Dafür brauchen wir noch mehr Begeisterte! Motivieren Sie andere, auch stiften zu gehen!

Wir tragen das unsere dazu bei. In den vergangenen Monaten gab es wiederholt Klagen von Hochschulen, die auf Anhieb mehr Stipendien eingeworben haben, als sie laut Höchstförderquote vergeben dürfen. Wir werden diesem Anliegen Rechnung tragen und noch in diesem Jahr für besonders engagierte Hochschulen die Möglichkeit schaffen, die Quote in einem bestimmten Umfang zu überschreiten. Hochschulen, die die entsprechenden Mittel eingeworben haben, können dann in diesem Jahr nicht nur 1 Prozent ihrer Studierenden fördern, sondern 1,5 Prozent. Das entspricht der geplanten Höchstförderquote des folgenden Jahres 2013.

Zusammen haben wir das Wagnis unternommen, eine neue Stipendienkultur in Deutschland zu befördern. Dafür gibt es viele gute Gründe. Die besten sind hier im Raum vertreten: Ich spreche von Ihnen, liebe Stipendiatinnen und Stipendiaten. Vergangene Woche hat der Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, Prof. Müller-Esterl, in der Süddeutschen geschrieben: "Studierende kommen als Kundschafter und gehen als Botschafter." Sie sind die besten Botschafterinnen und Botschafter dieses Programms!

Das Stipendium soll Ihnen dabei helfen, Ihre Talente zu vermehren, Ihre Fähigkeiten auszubauen: Machen Sie das Beste daraus! Für sich selbst und für unser Land. Wir alle wünschen Ihnen Glück und Erfolg!

Ich bin gespannt auf den Austausch mit Ihnen allen. Damit wir das Neue gemeinsam zum dauerhaften Erfolg machen.

Vielen Dank!

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