Ein guter Ort für den Start

Rede der Bundesbildungsministerin a. D. Prof. Dr. Annette Schavan anlässlich der Auftaktveranstaltung des Deutschlandstipendiums am 1. Februar 2011 in Berlin

I.

Die Humboldt Universität zu Berlin ist aus vielen Gründen ein guter Ort für den Start des Deutschlandstipendiums. Einer dieser Gründe ist, dass Wilhelm von Humboldt - als er vor gut 200 Jahren diese Universität begründete - das vor Augen hatte, worüber wir heute viel beraten, wenn wir von der Bildungsrepublik Deutschland sprechen: Die Überzeugung, dass Bildung individuelle Biographien prägt und Motor einer Staats- und Gesellschaftsreform ist. Damit verbunden war der zweite Gedanke: Dass Bildung sich auf den ganzen Menschen bezieht - auf seine Freiheit, auf seine Fähigkeit zur Verantwortung. Bildung bezieht sich nicht allein auf diesen oder jenen Wissenskanon. Gemeint ist der Menschen, der zu sich gefunden hat auch auf dem Weg der Bildung. Zu diesem Bildungsverständnis, das auch hinter der Gründungsidee dieser Universität steht, gehört die Hochachtung vor dem Menschen, seiner Würde, seiner Freiheit und seiner Fähigkeit zur Verantwortung.

Annette Schavan am RednerpultBundesbildungsministerin a. D. SchavanDas führt im besten Fall zu einem aufgeklärten Bürgertum. Einem Bürgertum, dessen Aufklärung sich nicht ergibt aus materiellem Wohlstand, sondern eben aus der Leidenschaft für den Menschen, für die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Heute nennen wir das: Leidenschaft für nachhaltige Entwicklung. Diesen Grundgedanken gab es schon lange bevor der Begriff Nachhaltigkeit en vogue wurde. Eine Gesellschaft muss über ihre Zukunft, über die Werte, die in dieser Gesellschaft existieren und akzeptiert werden, in jeder Generation neu ringen und entscheiden. Damit ist Anstrengung verbunden und die Anerkennung von Leistung. Hochachtung vor dem Menschen heißt immer auch, die Leistungen anzuerkennen, die er erbringt. Eine selbstbewusste Bürgergesellschaft wird nicht durch ererbte Privilegien, sondern durch eigene Anstrengung und Leistung weiter entwickelt. Das, was damit letztlich verbunden war, ist das Bild einer Gesellschaft, in der sich die Gruppen nicht voneinander Abschotten, sondern miteinander verbunden sind durch eine breite Treppe. Diese Treppe heißt Bildung.

II.

Leistung muss belohnt werden. Leistung muss aber auch ermöglicht werden - und zwar jedem und jeder, die Leistung bringen will. Mit dem Deutschlandstipendium verfolgt die Bundesregierung drei Ziele:

Wir wollen - erstens - begabte und leistungswillige Studierende finanziell unterstützen, damit sie sich noch stärker auf ihr Studium konzentrieren und es besonders erfolgreich abschließen können. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der Fachkräftebasis und des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland.
Wir wollen - zweitens - schon im Studium Anreize für Spitzenleistungen geben. Mit dem Deutschlandstipendium geben wir jungen Menschen klare Signale: Wir trauen Euch etwas zu! Wir haben Respekt vor Eurem Können! Wir unterstützen Euch auf Eurem Weg!
Wer je in einem pädagogischen Beruf oder in der Begabtenförderung tätig war, weiß, wie wichtig diese Anerkennung für die Entwicklung einer Bildungsbiographie ist. Und deshalb kann und soll das BAföG ein nationales Stipendienprogramm auch nicht ersetzen. Wir brauchen beides: Förderung in der Breite und in der Spitze. Deshalb hat die Bundesregierung im vergangenen Sommer zeitgleich mit dem Deutschlandstipendium auch eine Reform des BAföG auf den Weg gebracht.
Das dritte Ziel ist der Aufbau einer neuen Stipendienkultur in Deutschland: Indem wir den Hochschulen zu jedem Euro, den sie für Stipendien einwerben, einen weiteren Euro aus der Bundeskasse dazugeben, schaffen wir einen starken Anreiz für die bessere Vernetzung der Hochschulen mit ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld.

Darin liegt - neben der Begabtenförderung - die zweite gesellschaftspolitische Dimension des neuen Stipendienprogramms: Die Hochschulen zeigen der Gesellschaft ihre Bedeutung. Und umgekehrt übernehmen wir alle als Bürgerinnen und Bürger, als Unternehmen, als Stiftungen oder Verbände Verantwortung für die Bildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Fachkräfte von morgen. Es geht - wie bei Humboldt - um die Eigenverantwortung und um ein gutes Miteinander von Staat und Gesellschaft bei der Förderung von Bildung und Wissenschaft.

Das Deutschlandstipendium spricht auch Privatpersonen als Mittelgeber an: Zum Beispiel ehemalige Studierende, die ihrer Hochschule etwas von dem "zurückgeben" möchten, was sie selbst dank ihres Studiums im Beruf erreicht haben. Ein solcher "akademischer Generationenvertrag" will aufgebaut und gepflegt werden. Und genau daran hapert es bei uns in Deutschland: Das Abschlusszeugnis ist das letzte "Lebenszeichen", das die meisten Akademiker von ihrer "alma mater" erhalten. Danach herrscht oft Funkstille. Da bleiben viele Ressourcen ungenutzt.

Dass es auch anders geht, zeigen uns die besten Hochschulen in anderen Ländern. Wenn wir mit ihnen mithalten wollen, sollten auch wir der Kontaktpflege zu den Alumni und zum gesellschaftlichen Umfeld der Hochschulen insgesamt viel mehr Bedeutung beimessen.

III.

Wir trauen Euch etwas zu! Diese Botschaft richtet sich nicht allein an die Studierenden, sondern auch an die Hochschulen. Wir lassen ihnen bei der Umsetzung des Programms größtmögliche Freiheit. Freiheit, die sie nutzen können, um ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Zur Exzellenz einer Hochschule gehört auch, sich um Stipendien für ihre Studierenden zu kümmern. Ergreifen Sie diese Chance!

Ich sehe mit Freude und Dankbarkeit, dass viele von Ihnen sich schon vor dem offiziellen Programmstart auf den Weg gemacht haben. Bereits jetzt ist mit mindestens 1.000 fest zugesagten Stipendien zu rechnen, obwohl wir eigentlich heute erst den Auftakt des Programms begehen. Das ist ein großartiger Erfolg. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Hochschulen das Ziel erreichen werden, bis zum Jahresende 10.000 Stipendien zu vergeben. Und genauso werden wir mittelfristig auch das Ziel erreichen, 8 Prozent aller Studierenden zu fördern - also insgesamt rund 160.000.

Ich möchte allen danken, die dazu ihren Beitrag leisten - vor allem den privaten Mittelgebern, von denen heute viele unter uns sind. Seien Sie herzlich willkommen!

Das Stipendienprogramm hat breite Resonanz erfahren: "Global Player" wie die Deutsche Telekom, die schon im vergangenen Sommer 360 Stipendien zugesagt hat, gehören ebenso zu den Unterstützern wie mittelständische Betriebe, die erkannt haben, dass das Deutschlandstipendium ihnen hilft, den Fachkräftenachwuchs zu sichern und vielversprechenden jungen Leuten eine Chance zu geben.

Die ersten Stipendienzusagen sind übrigens nicht etwa an einer großen Universität im Westen oder im Süden Deutschlands eingegangen, sondern in den neuen Bundesländern: an der Fachhochschule Lausitz. Dies zeigt auch, dass das Deutschlandstipendium dazu beitragen kann, dass Regionen ihre Kräfte bündeln und sich auf ihre Stärken besinnen.

Inzwischen stehen sogar schon die ersten Stipendiatinnen und Stipendiaten des Programms fest: Die Uni Augsburg hat bereits zehn Studierende ausgewählt, die dort vom Sommersemester an mit dem Deutschlandstipendium gefördert werden. Eine dieser Pionierinnen haben wir vorhin schon im Film kennengelernt; weitere sind heute hier - zusammen mit ihrem Institutsleiter und einigen ihrer "Sponsoren". Ich wünsche Ihnen einen guten und inspirierenden Kontakt zu den privaten Mittelgebern, die hinter dieser Förderung stehen. Und ich freue mich, dass ich am Ende dieser Veranstaltung Ihre Aufnahme als erste Stipendiatinnen und Stipendiaten des neuen Programms mit einer Urkunde besiegeln kann.

Die Bundesregierung traut den Hochschulen viel zu und unterstützt sie deswegen nach Kräften beim Aufbau und der Umsetzung des Deutschlandstipendiums.
Konkret bedeutet das, dass von den 300 Euro, die jeder Stipendiat und jede Stipendiatin pro Monat erhalten, die Hälfte vom Bund kommt. Zusätzlich erhalten die Hochschulen auch eine Pauschale für Fundraising-Maßnahmen. Das sind weitere sieben Prozent der im jeweiligen Jahr maximal einzuwerbenden Mittel.

In Zahlen heißt das: Jede Hochschule bekommt vom Bund für jedes vergebene Stipendium pro Jahr zusätzlich 126 Euro für die Einwerbung: Wenn 8 Prozent aller Studierenden gefördert werden, erhält eine mittelgroße Universität mit 20.000 Studierenden jährlich mehr als 200.000 Euro für die Mittelakquise. Und zwar auf Dauer und selbst dann, wenn die betroffene Hochschule die Höchstzahl der zu fördernden Stipendiaten nicht erreichen sollte. Damit geben wir den Hochschulen nicht nur eine Menge Geld für neue Aufgaben in die Hand, sondern auch Planungssicherheit.

IV.

Das Deutschlandstipendium schließt eine Lücke. Nicht nur in den Portemonnaies begabter Studierender, sondern auch im Gesamtkonzept der Studienfinanzierung den drei Säulen BAföG, Studienkredite und Stipendien. Zugleich ist dieses Programm ein zentraler Baustein in der Hochschulstrategie der Bundesregierung mit ihren drei Handlungsfeldern: Stärkung der Forschung - Verbesserung der Studienbedingungen - Begabtenförderung.

In der Spitzenforschung haben wir in Deutschland dank Exzellenzinitiative, Programm- und Projektpauschale in den vergangenen Jahren bereits große Fortschritte erzielt und die Hochschulen damit deutlich gestärkt. Die Exzellenzinitiative hat eine ungemein produktive Dynamik ausgelöst. Und der Hochschulpakt sowie seine neue dritte Säule - der Qualitätspakt Lehre - tragen zur Schaffung eines hochwertigen Studienangebots bei. Dieses Angebot wird angenommen: Im vergangenen Herbst haben sich mehr als 440.000 junge Leute für die Aufnahme eines Studiums entschieden – mehr als je zuvor. Das entspricht 46 Prozent des Altersjahrganges! Dieses wachsende Interesse an einer Hochschulausbildung ist ein ermutigendes Signal für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Die junge Generation will ihre Chancen nutzen - wir unterstützen sie dabei.

Zu dieser Unterstützung gehört auch die Förderung von besonders talentierten Studierenden. Gemeinsam mit den Begabtenförderungswerken haben wir deshalb in den vergangenen Jahren die Zahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten kontinuierlich ausgebaut. Nun kommt das Deutschlandstipendium als neues Förderinstrument hinzu. Ich bin mir sicher,dass die Attraktivität und die Leistungsfähigkeit unserer Hochschulen dadurch weiter steigen werden. Und dass es uns gemeinsam gelingt, noch mehr Talente als in der Vergangenheit zu einem erfolgreichen Studienabschluss zu führen.

V.

Mit dem Stipendienprogramm-Gesetz hat die Bundesregierung den Hochschulen, der Wirtschaft und den übrigen privaten Mittelgebern einen neuen Weg eröffnet. Ich bin überzeugt, dass dieser die Leistungsfähigkeit unserer Hochschulen stärken, Studierende zu Spitzenleistungen motivieren und den Austausch zwischen Hochschulen und Gesellschaft stärken wird.

Ich sage jetzt schon herzlichen Dank denen, die gerade viel unterwegs sind und sagen: Wir wollen beim Deutschlandstipendium mit zu den ersten gehören. Ich danke den Hochschulen, die schon jetzt erste Stipendien vergeben: dazu gehört die Universität Augsburg, dazu gehört die Fachhochschule Lausitz. Es zeichnet sich ab, dass es oft gerade die kleineren Hochschulstandorte sind, die eine besondere Kultur des Kontaktes zu ihren Ehemaligen pflegen.

Heute ist der Start des Deutschlandstipendiums. Viele sind auf dem Weg. Ich sage Dank denen, die sich auf den Weg gemacht haben. Das Deutschlandstipendium und der Aufbau einer Stipendienkultur gehören zur Attraktivität des Wissenschafts- und Hochschulstandorts Deutschland.

Vielen Dank.