Immer einen Schritt voraus

Während seines Sportstudiums erblindete Deutschlandstipendiat Marcel Wienands aufgrund einer seltenen Augenkrankheit fast vollständig. Die Freude am Sport und sein ungebrochener Optimismus spornten ihn an, die neuen Herausforderungen zu meistern. Sein Förderer unterstützt ihn nicht nur finanziell: Er hilft dem 24-Jährigen, neue Kontakte zu knüpfen.

Deutschlandstipendiat Marcel Wienands an der Copa Cabana in Rio | © Andi Weiland

2013 sank die Sehkraft seiner Augen innerhalb von acht Wochen von 100 auf 10%. Marcel Wienands spricht dennoch von einem langsamen Prozess – verglichen mit jemandem, der einen Unfall hatte und über Nacht sein Augenlicht verliert. „Dagegen hatte ich Zeit, mich daran zu gewöhnen.“ Obwohl die seltene Erbkrankheit „Lebersche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)“, die zum Verlust des Sehvermögens führt, in der Familie liegt, traf Marcel Wienands die eigene Diagnose völlig unterwartet: Er wusste nicht, dass er die Krankheit vererbt bekommen hatte. Die acht Wochen nutzte der Deutschlandstipendiat der Deutschen Sporthochschule Köln, um sich darauf vorzubereiten, der Welt blind zu begegnen. Von seinen ursprünglichen Zielen abzuweichen, stand für ihn nie zur Debatte.

Die Blindheit sportlich nehmen

Die schwierigsten Zeiten liegen hinter ihm. Die neuen Umstände nimmt Marcel Wienands sportlich: „Ich muss mir einfach viel mehr Sachen merken, weil ich nicht einfach nachgucken kann.“ Ein kleiner Sehrest hilft ihm, sich zu orientieren, trotzdem denkt er immer einen Schritt voraus. Literatur, die er für sein Masterstudium der Sport-, Medien- und Kommunikationsforschung braucht, scannt er ein und lässt sie sich von einem Sprachprogramm vorlesen. Wichtige Schaubilder von Power-Point-Präsentationen beschreiben ihm seine Freunde. Das hilft ihm sehr – genauso wie das Deutschlandstipendium. Die finanzielle Unterstützung möchte der Sportfan, der bereits im vierten Jahr gefördert wird, nicht mehr missen: „Dadurch konnte ich meinen Bachelor erfolgreich abschließen und kann mich nun auf meinen Master konzentrieren.“ Momentan macht er ein Praktikum beim MDR in Leipzig. Danach stehen die letzten Prüfungen an. Niemals aufgeben – diese Lebenshaltung hat sich Marcel Wienands bewahrt. „Wenn man sich durchbeißt, wird das auch gesehen und honoriert.“ Das Deutschlandstipendium ist für ihn das beste Beispiel dafür: „Das ist ganz klar eine Form der Anerkennung. Es wird von der Uni und den Dozenten gesehen, dass jemand sein Studium trotz der Hindernisse meistert, die ihm im Weg stehen.“

Wettkämpfer durch und durch

Beruflich sieht sich Marcel Wienands nach seinem Abschluss im Sportjournalismus oder im Marketing-Bereich. Das Deutschlandstipendium bringt ihn diesem Wunsch ein gutes Stück näher. Denn sein privater Förderer, Dr. Thomas Bscher, mit dem er sich regelmäßig persönlich austauscht, hilft ihm neue Kontakte zu knüpfen. „Ich kann ihn immer treffen“, erzählt Marcel Wienands. „Er nimmt sich Zeit und versucht über das Finanzielle hinaus, Lösungen für seine Stipendiaten zu finden.“ Seiner Leidenschaft für den Sport geht Marcel Wienands trotz Blindheit weiter nach. Heute spielt er Blindenfußball im Verein und bringt anderen Studierenden das Spiel bei. Im Jahr 2014 lief er den Köln Marathon, 2016 reiste er als inklusiver Nachwuchsreporter zu den Paralympischen Spielen nach Rio de Janeiro. In diesem Jahr hat er bereits einen Triathlon hinter sich, der nächste ist bereits in Planung: „Ich glaube, dass mir der Sport Kraft zurückgibt. Dass ich diesen Wettkampfcharakter im Alltag habe, motiviert mich.“ Außerdem fühlt er sich beim Sport freier, gerade beim Laufen – „weil ich an der frischen Luft bin, weil ich mich auspowern kann“.