„Eine Behinderung hindert niemanden daran, seine Möglichkeiten auszuschöpfen“

Felicitas Merker ist von Geburt an taub. Die Gehörlosigkeit ist für sie jedoch kein Hindernis. Die 25-jährige Rheinländerin ist erfolgreiche Siebenkämpferin und studiert im Master Sportwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Warum die Auszeichnung mit dem Deutschlandstipendium für sie eine Ehre ist, erzählt die Mutmacherin im Interview.

Felicitas Merker ist Sportlerin und Deutschlandstipendiatin | © Deutscher Gehörlosen-Sportverband (DGS)/Anton Schneid Wann wurde festgestellt, dass Sie nicht hören können?

Erst im Alter von zweieinhalb Jahren. Mein Zwillingsbruder fing an zu sprechen, während ich kein vernünftiges Wort herausbringen konnte. Weil ich nicht hören konnte, wusste ich nicht, wie man bestimmte Wörter ausspricht. Nach der Diagnose habe ich Hörgeräte getragen, die mir nicht halfen. Später wurden mir Innenohrprothesen, sogenannte Cochlea-Implantate, eingesetzt. Dadurch haben sich mein Sprachverständnis und meine Lautsprache kontinuierlich entwickelt. Dank meiner Eltern, die sich für diese OP entschieden haben, konnte ich eine normale Schule besuchen und das Abitur absolvieren.

Wie beeinflusst die Gehörlosigkeit Ihren Alltag?

Ich sehe meine Behinderung nicht als Hindernis, denn mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich bin ein offener, kontaktfreudiger Mensch, der seine Behinderung nicht versteckt, und ich bin der Meinung, dass man an den Herausforderungen wächst. Es gibt auch Vorteile: Zum Beispiel kann ich bei Gewitter sehr gut schlafen, weil ich nachts meine Implantate ablege. Wenn ich alleine trainiere oder am Schreibtisch arbeite, kann ich mich ohne Implantate sehr gut konzentrieren und profitiere oft von der vollständigen Ruhe um mich herum.

Sie pendeln täglich zwischen Schreibtisch und Sportplatz. Welche Freiräume verschafft Ihnen das Deutschlandstipendium?

Aufgrund des sehr hohen Pensums bin ich nicht in der Lage, nebenbei arbeiten zu gehen. Nächstes Jahr steht die Masterthesis an und mein Ansporn ist es, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Das Ziel kann nur erreicht werden, wenn ich mich ohne finanzielle Sorgen in Ruhe auf den Sport und das Studium konzentrieren kann, ohne das eine oder das andere vernachlässigen zu müssen. Außerdem habe ich noch einige ehrenamtlichen Tätigkeiten im Deutschen Gehörlosen-Sportverband, die Zeit von mir fordern. Des Weiteren möchte ich mich finanziell ein wenig von meinen Eltern lösen, indem ich meine Wohnung und das Studium mit dem Deutschlandstipendium ein Stück weit selbst finanziere.

Was bedeutet es Ihnen, dass bei der Vergabe des Deutschlandstipendiums nicht nur Noten zählen, sondern auch die Überwindung von Hürden im Lebenslauf?

Sehr viel, denn mit der Zusage des Deutschlandstipendiums hat mir meine Universität gezeigt, dass sie eine offene Institution ist, die nicht nur Studierenden mit besten Noten, sondern auch Studierenden mit Behinderung unter die Arme greifen möchte. Ich fühle mich sehr geehrt, als Stipendiatin ausgewählt worden zu sein.

Was war bisher ihr größter sportlicher Erfolg? Haben Sie schon Pläne für Ihre berufliche Zukunft?

Mein größter Erfolg war der Gewinn der Bronzemedaille im Siebenkampf der Frauen bei den Gehörlosen-Weltspielen 2017, den sogenannten „Deaflympics“, im türkischen Samsun diesen Sommer. Die absolute Krönung war aber die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes, der höchsten staatlichen Auszeichnung für sportliche Spitzenleistungen in Deutschland, durch unseren Bundespräsidenten höchstpersönlich. Sie fand erst kürzlich im Schloss Bellevue in Berlin statt. Ich wünsche mir, nach meinem Studium im Gehörlosensport zu arbeiten, mit dem Ziel, ihn zu professionalisieren und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es nicht nur den Behindertensport, sondern auch den deaflympischen Sport gibt.

Möchten Sie auch anderen jungen Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung Mut machen, ihren Weg zu gehen?

Auf jeden Fall. Eine Behinderung hindert niemanden daran, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Sie schafft neue Wege, die je nach Lebenssituation und Einstellung „hügelig“ sein können. Man ist aber hinterher umso stolzer, wenn man schwierige Aufgaben, wie zum Beispiel das Studium, bewältigt hat.