Stipendiaten mit Fluchterfahrung

Sie mussten ihre Heimat verlassen und sich ein neues Leben in Deutschland aufbauen: Die Deutschlandstipendiaten Varduhi Hayrapetyan, Rima Baker, Sinan Al-Gburi und Wiyar Sharif berichten, wie sie von ihrem Stipendium profitieren und warum sie sich heute für aktuell Geflüchtete engagieren.

„Meine Motivation hat sich erhöht“ 

Varduhi Hayrapetyan, Heinrich-Heine-Universität DüsseldorfVarduhi Hayrapetyan musste vor vier Jahren ihre Heimat Armenien verlassen, weil ihr Ehemann dort politisch verfolgt wurde. Dass die Diplom-Pharmazeutin ihren Traum von einer wissenschaftlichen Laufbahn nun auch in Deutschland weiterverfolgen kann, bedeutet der 25-Jährigen viel. „Alles war für mich unbekannt, alles war neu. Ich hatte Angst und die Ungewissheit war groß“, berichtet Varduhi Hayrapetyan. Die Möglichkeit, in Deutschland studieren zu können, gab ihr wieder eine Perspektive. Sie machte die erforderlichen Sprachprüfungen, ließ sich fachlich einstufen und nahm noch während des laufenden Asylverfahrens ihr Studium an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf auf. „Durch die Zulassung konnte ich fühlen, dass es noch Zukunft gibt“, sagt Varduhi Hayrapetyan. Seit Oktober bekommt sie ein Deutschlandstipendium. Die Unterstützung ist Varduhi Hayrapetyan viel Wert. „Einerseits muss ich nicht mehr so viel arbeiten und kann mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Andererseits hat es meine Zielstrebigkeit und meine Motivation deutlich erhöht.“ Außerdem hat sie nun auch mehr Freiraum für ihr ehrenamtliches Engagement bei der Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative „Stay!“. Dort berät sie Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben, bei medizinischen oder pharmazeutischen Fragen. „Ich habe selber viel Unterstützung bekommen. Das werde ich in meinem Leben nie vergessen.“

„Es ist eine riesige Wertschätzung“ 

Rima Baker, HFH Hamburger Fern-HochschuleRima Baker war fünf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Syrien floh. Erinnerungen an ihre Ankunft in Deutschland hat die heute 29-jährige Deutschlandstipendiatin kaum: „Wir wohnten in Gemeinschaftsunterkünften, bevor wir nach rund zwei Jahren in einem Asylbewerberheim in Bayern untergebracht wurden.“ Endlich wieder ein bisschen Privatsphäre. Daran erinnert sie sich. Und an das drohende Abschiebeverfahren, das die Familie durch den Rückhalt ihrer Gemeinde abwenden konnte. Dass sie studieren will, wusste Rima Baker immer. Mit 16 Jahren zog sie von zu Hause aus, machte ihren Mittleren Schulabschluss, das Abitur, eine Ausbildung zur staatlichen Erzieherin und arbeitete als Gruppenleiterin in einer Kindertagesstätte. Das tut sie auch heute noch - neben ihrem Bachelorstudium des Gesundheits- und Sozialmanagements an der HFH Hamburger Fern-Hochschule. Das Deutschlandstipendium ermöglichte Rima Baker, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Über die persönliche Anerkennung freut sie sich noch mehr: „Dass sich jemand für mich interessiert, ist eine riesige Wertschätzung.“ Sie erzählt: „Das Deutschlandstipendium hat mir Hoffnung und Mut gegeben, mich motiviert und darin bestätigt, dass ich das Richtige tue.“ In ihrem Wohnort Coburg engagiert sich Rima Baker seit einigen Jahren für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge. Sie sagt: „Für mich und meine Familie ist es selbstverständlich, dass wir helfen.“

„Am Anfang war es wirklich schwer“ 

Sinan Al-Gburi, Technische Universität DresdenDer Nürnberger Hauptbahnhof bei Nacht. Das ist Sinan Al-Gburis erste Erinnerung an Deutschland. Vor 13 Jahren kam er dort mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern an. Die Familie war kurz vor Ausbruch des zweiten Irakkrieges aus ihrer Heimat geflohen. „Meine Eltern haben alles aufgegeben. Unsere Wohnung, unser Auto und ihre Berufe als Ingenieure. Das haben sie alles für uns Kinder getan“, berichtet Sinan Al-Gburi. Inzwischen hat sich die Familie in Dresden ein neues Leben aufgebaut. Sinan Al-Gburi studiert im fünften Semester Medizin an der Technischen Universität Dresden (TU Dresden) und erhält schon zum zweiten Mal das Deutschlandstipendium. „Am Anfang war es wirklich schwer. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich jetzt diese Förderung genießen darf“, sagt er. Am meisten freut es ihn, dass er seine Eltern finanziell entlasten kann. „Mit dem Deutschlandstipendium konnte ich mir Bücher kaufen, die besser, aber auch teurer sind. Das hat mir beim Physikum sehr geholfen.“ Neben der finanziellen Unterstützung haben sich für den 21-Jährigen aber auch andere Freiheiten ergeben. „Jetzt habe ich endlich die Kapazitäten, den neu ankommenden Flüchtlingen zu helfen“, sagt er. Über seine Mutter, die beim Sächsischen Flüchtlingsrat arbeitet, hat er Kontakt zu Flüchtlingsfamilien aufgenommen und unterstützt sie in der Kommunikation mit Ämtern. Außerdem organisiert er eine Kleiderspenden-Aktion an der Medizinischen Fakultät. Seine persönliche Fluchterfahrung spielt bei seinem Engagement eine große Rolle. „Man ist einfach ehrfürchtiger.“

„Das Deutschlandstipendium hat mich weit gebracht“

Wiyar Sharif, Technische Universität München | © Maren WillkommDeutschlandstipendiat Wiyar Sharif hat mit gerade einmal 25 Jahren schon einiges erlebt. In den 90er Jahren flüchtete er mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern vor den politischen Unruhen in seiner Heimat Afghanistan nach Deutschland. Nach verschiedenen Stationen in Brandenburg zog es die Familie schließlich nach München. An die große Unterstützung, die seine Familie in der Anfangszeit erfahren hat, kann er sich noch gut erinnern. „Uns wurde sehr viel geholfen. Wir Kinder haben zum Beispiel kostenlosen Sprachunterricht von einer älteren Dame bekommen, mit der wir noch heute in Kontakt stehen“, berichtet er. Inzwischen studiert Wiyar Sharif gleich zwei Master an der Technischen Universität München (TUM): Bauingenieurwesen und Wirtschaftsingenieurwesen. Wenn es die politische Situation erlaubt, möchte er seine Fachkenntnisse später auch in Afghanistan einbringen. Das Deutschlandstipendium erhält er bereits zum zweiten Mal und nutzt die damit verbundenen Möglichkeiten. „Es hat mich weit gebracht“, sagt Wiyar Sharif stolz. Mit seinem Förderer Professor Gallus Rehm etwa pflegt der 25-Jährige einen intensiven Austausch. „Er hat immer ein offenes Ohr für mich und teilt seinen großen Erfahrungsschatz mit mir.“ Dank der finanziellen Unterstützung konnte sich Wiyar Sharif auch einen echten Herzenswunsch erfüllen. So engagiert er sich in einer Unterkunft für Flüchtlingskinder, gibt ihnen Nachhilfe oder spielt mit ihnen Fußball. „Ich hatte sehr viel Glück in meinem Leben und möchte davon etwas zurückgeben“, erklärt er.