„Das Deutschlandstipendium verbindet Kunst und Wirtschaft"

Künstlerinnen und Künstler können den Erfolg von Unternehmen positiv beeinflussen. Davon sind Prof. Dr. Ralf Rummel-Suhrcke, Beauftragter für das Deutschlandstipendium an der Hochschule für Künste im Sozialen Ottersberg, und Wolfgang Reichelt, Präsident des Unternehmerverbandes Rotenburg-Verden, der sich für Firmen in der Region einsetzt, überzeugt. Mit ihrem Projekt „Kunst und Unternehmen“ möchten sie mehr Unternehmen für die Förderung junger Künstlerinnen und Künstler begeistern.

Herr Prof. Dr. Rummel-Suhrcke, was verbirgt sich hinter dem Projekt „Kunst und Unternehmen“?

Prof. Dr. Ralf Rummel-Suhrcke | © HKS OttersbergProf. Dr. Ralf Rummel-Suhrcke: Es geht darum, künstlerische Aktivitäten in gesellschaftlichen Bereichen umzusetzen, wo die Kunst bisher keine oder nur eine marginale Rolle spielt. Unsere Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten können ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in Unternehmen einbringen, von denen sie gefördert werden. So haben die Studierenden die Möglichkeit, neue Arbeitsbereiche und Einsatzgebiete für sich zu entdecken. Dabei könnte es zum Beispiel um die Prävention von Krankheiten durch künstlerische Aktivitäten gehen. Wir unterstützen sie dabei auch mit speziellen Kursen. 

An der Hochschule werden zurzeit u. a. ein Student der freien bildenden Kunst und eine Theaterpädagogin gefördert. Wie könnte ein mittelständisches Industrieunternehmen ganz konkret von ihnen profitieren?

Rummel-Suhrcke: Die Theaterpädagogin könnte einen Workshop anbieten, der Stimm- und Bewegungsübungen beinhaltet. Oder es könnten Konfliktsituationen nachgespielt werden. Im Gegenzug erhält sie Einblicke in die Unternehmensabläufe sowie wertvolle Kontakte zu Unternehmensvertreterinnen und -vertretern, mit denen sie sich austauschen kann, etwa zum Thema Mitarbeiterkommunikation oder Mediation in der Praxis. Generell gilt: Mit Kunst verlässt man die gewohnten Abläufe, denn Künstlerinnen und Künstler arbeiten prozessorientiert und ergebnisoffen. Erlebt man Kunst im Unternehmen, entsteht Innovation. Und das ist nur ein Aspekt. Kunst kann einem Unternehmen nicht nur etwas Förderndes, sondern auch etwas Heilendes bringen. 

Herr Reichelt, Sie haben selbst mehrere Unternehmen und beteiligen sich über den Förderverein der Hochschule auch am Deutschlandstipendium. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Reichelt: Ich sehe das genauso. Besonders das Heilende der Kunst im Unternehmen möchte ich herausheben. Als ich das erste Mal an der Hochschule war, habe ich erlebt, wie befreiend Kunsttherapie und -pädagogik sein kann. Denken Sie zum Beispiel an die Thematik Burnout. Es besteht meiner Ansicht nach ein großer Bedarf an Künstlerinnen und Künstlern, die sich dieser Thematik annehmen. Gleichzeitig ist es für Kunststudentinnen und -studenten wichtig, schon während des Studiums Praxiserfahrung zu sammeln.Wolfgang Reichelt | © BLOCK Transformatoren-Elektronik GmbH 

In welchem Zusammenhang ist das Deutschlandstipendium für das Projekt wichtig?

Rummel-Suhrcke: In Deutschland gibt es traditionsbedingt immer noch Berührungsängste. Das ist in angelsächsischen Ländern oder in Schweden anders. Durch die Förderung über das Deutschlandstipendium entsteht diese Verbindung zwischen Kunst und Wirtschaft. Und für die Entwicklung von anwendungsbezogenen Studiengängen und Weiterbildungsangeboten ist diese Verflechtung aus meiner Sicht sehr sinnvoll. 

Wie will die Hochschule Unternehmer von ihren Plänen überzeugen, die noch anders denken?

Rummel-Suhrcke: Der Einfluss von Kunst ist natürlich schwer in Unternehmenszahlen messbar. Aber die Unternehmenskultur wird sich zum Positiven verändern. Das wollen wir über gemeinsame Foren der Hochschule mit den regionalen Unternehmern diskutieren und über künstlerische Pilotprojekte in den Unternehmen deutlich machen. Wir nennen das ‚künstlerische Interventionen‘. Die Bereitschaft und die Zugänge haben wir in einer ersten wissenschaftlichen Bedarfsstudie, die vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert wurde, gerade erst erhoben.