Vorhang auf

Ihr erstes Theaterstück wurde 2011 bei den Münchner Kammerspielen als Werkstattinszenierung aufgeführt. 2012 zeigte das Berliner Maxim Gorki Theater eine weitere Werkstattinszenierung. Jetzt kommt es als Hörspiel ins Radio. Wie sie Stückeschreiberin wurde, wie ihr das Deutschlandstipendium den Weg ebnete und woran sie gerade arbeitet, erfahren wir von Saskia Nitsche im Interview.

Johanna Neuring Foto: © Johanna Neuring 2014Frau Nitsche, noch während ihres Studiums wurde „Bitten an Karl“ an den Münchner Kammerspielen gespielt – 2012 hat das Maxim Gorki Theater Ihren Stoff in die Werkschau für junge Dramatik aufgenommen. Wie ist es, das eigene Stück auf der Bühne zu sehen?
Aufregend und anstrengend zugleich. Stärken und Schwächen eines Theatertextes entfalten sich häufig erst auf der Bühne. Ich bin sehr kritisch mit mir, beobachte genau, was ich am Text noch verbessern könnte. Die erste Aufführung ist für mich immer noch Teil des Arbeitsprozesses.

„Bitten an Karl“ beschäftigt sich mit den Träumen und Sehnsüchten von Karl, Hanno und Elise, die vaterlos und ohne Perspektive am Rande der Stadt „hängen“ bleiben und deren Verlassenheit und Außenseiterposition sich im Konflikt um Elise zuspitzt. Wie entwickelt sich so eine Geschichte? Was ist zuerst da? Die Figuren? Ein Thema?
In der Regel formuliere ich zunächst meine Thematik und enge sie ein, bevor ich eine Sprache finde, aus der schließlich schreibend die Figuren und die Dramaturgie entstehen. Bei „Bitten an Karl“ gab es zunächst das Motiv der Füchse, das eng mit Karls Sehnsucht verwoben ist. Daraus entstand nach und nach alles andere.

Wann wussten Sie, dass Sie Autorin werden wollen?
Ich kam über das Theaterspielen zum Schreiben. Meine ganze Jugend habe ich am Theater in Bamberg gespielt. Ursprünglich wollte ich Regie studieren, weil mich das gestalterische Moment daran so faszinierte. Nach dem Abitur habe ich mich für Theater- und Literaturwissenschaften an der Freien Universität Berlin eingeschrieben. Der Dozent und Dramatiker Claudius Lünstedt gab ein Seminar über Szenisches Schreiben, jeder sollte ein halbstündiges Stück entwickeln. Er hat mich ermutigt und zum Schreiben gebracht. Nach meinem Bachelor-Abschluss bewarb ich mich daher sowohl für das Regiefach als auch für Szenisches Schreiben. Und die Zusage für Szenisches Schreiben von der Universität der Künste in Berlin war zuerst da – das war 2010.

Noch während Ihres Studiums an der UdK gingen Sie für ein Jahr ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. In dieser Zeit wurden Sie mit dem Deutschlandstipendium unterstützt. Wie hat Ihnen diese Förderung geholfen und welche Bedeutung hatte der „Ausflug“ in die Literaturwelt für Sie?
Das Deutschlandstipendium hat mir mein Jahr am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig erst ermöglicht. Ich war ja noch an der UdK eingeschrieben und pendelte viel zwischen Berlin und Leipzig. BAföG habe ich nie bekommen und meine Eltern konnten mich nur teilweise unterstützen. Über die Zusage für das Deutschlandstipendium habe ich mich daher sehr gefreut. Endlich konnte ich mich auch intensiv mit Prosa, mit dem literarischen Aspekt von Texten auseinandersetzen. Das war eine tolle Ergänzung zum dramaturgischen und performativen Schwerpunkt an der UdK. Natürlich war ich auch stolz, weil mein bisheriger Weg damit honoriert wurde. Es war in jeder Hinsicht ein bereicherndes Jahr, aus dem viele spannende Kontakte in die Literaturszene hervorgegangen sind.

Wie wichtig ist es für den künstlerischen Schaffensprozess grundsätzlich, finanziell abgesichert zu sein?
Sehr. Ich brauche innere Ruhe, um mich auf einen Text konzentrieren zu können. Ohne finanzielle Sicherheit ist die innere Ruhe nur schwer herzustellen. Und die Arbeit in einer Institution, sei es ein Stadt- oder Staatstheater oder ein Verlag, fordert sehr viel Engagement. Das lässt wenig Raum für das eigene Schreiben. Ideal wäre eine projektbezogene Arbeitsweise. Nach dem Unialltag suche ich jetzt noch das passende Modell für mich. Idealerweise finde ich etwas, das den Schreibprozess bereichert, also etwas im Feld des Theaters oder der Literatur.

„Bitten an Karl“ war Ihr erster großer Erfolg. Am 22. Juli wird das Stück sogar als Hörspiel im SWR zu hören sein. Was dürfen wird demnächst von Ihnen erwarten?
Ich arbeite gerade an meinem dritten Stück: Es trägt den Titel „Wir haben kalte Haut“ und handelt von Liebessuche und -sucht, vom Erkalten der Sexualität und von der Härte des Ausspielens von Überlegenheit im Liebesgefälle bis hin zur körperlichen Versehrtheit. Mit diesem Werk wurde ich vor kurzem zur Autorenlounge des Kaltstart-Theaterfestivals in Hamburg eingeladen. Dort konnte ich mit Schauspielern einen 20-minütigen Ausschnitt erarbeiten – am Ende stand eine szenische Lesung.

Bei „Bitten an Karl“ leben die Protagonisten in einer Trabantenstadt am Rande der Gesellschaft. Welche Umwelt prägt die Protagonisten in „Wir haben kalte Haut“?
Echo, Jan, Emmie und Narziss – die Figuren dieses Textes finden sich in einer aseptisch kühlen Welt wieder, in der die Fähigkeit zu echten Begegnungen verloren gegangen ist. Im Vordergrund steht für sie der Rausch, Gefühle werden inszeniert. Es geht um die Nachtseite, die der Unverbindlichkeit und emotionalen Härte. Die Resonanz der Leser und Zuschauer meines Textes im Altersspektrum von 17 bis etwa Ende 30 zeigt, dass die Thematik brisant und das Identifikationspotenzial hoch ist.

Ihr Beruf erfordert viel Eigeninitiative und Disziplin, die Perspektiven sind ungewiss. Was treibt Sie an?

Ich bin sehr ehrgeizig, das war ich immer schon. Sobald ich einen Stoff gefunden habe, der mich fasziniert, bleibe ich an ihm dran – bis ich eine entsprechende Form für ihn habe. Selbstzweifel gehören dazu, die Perspektiven sind nicht sicher, aber ich möchte die Spur nicht mehr wechseln.

Zur Person
Saskia Nitsche, geboren 1986 in Bamberg, lebt und arbeitet in Berlin, schreibt
Dramatik und Prosa. Sie studierte von 2010 bis 2014 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Vorher machte sie ihren Bachelor in Literatur- und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Ihr erstes Werk, „Bitten an Karl“, wurde als Werkstattinszenierung u. a. an den Münchner Kammerspielen sowie am Maxim Gorki Theater Berlin vorgestellt. Derzeit arbeitet sie an ihrem Stück „Wir haben kalte Haut“.