Gemeinsam gegen die Hochqualifizierten-Lücke

Was treibt noch mehr junge Talente in das Land zwischen Nord- und Ostsee? Vermutlich künftig auch ein ganz besonderer Rückenwind: Um möglichst viele begabte Studierende zu fördern, ziehen die Hochschulen in Schleswig-Holstein beim Deutschlandstipendium an einem Strang – eine Chance auch für die regionale Wirtschaft.

sechs Damen an einem Tisch mit InfomaterialienNetzwerken im Norden: Mitarbeiterinnen der am Deutschlandstipendium beteiligten Hochschulen in Schleswig-Holstein tauschen sich aus: v.l.n.r. Gabriele Ramien (Technologietransferbeauftrage FH Lübeck), Sabine Große-Aust (Referentin für private Wissenschaftsförderung an der CAU), Nicole Grimm (Stipendienbeauftragte FH Lübeck), Helga Wieber (FH Flensburg), Claudia Neumann (Assistenz für private Wissenschaftsförderung an der CAU), Dr. Heike Bille (Präsidiumsbeauftragte für Forschung, Entwicklung, Technologietransfer der FH Flensburg). Foto: Jürgen Haacks (CAU) © 2014Schleswig-Holstein hat mehr zu bieten als viele denken. Davon ist der Lübecker Unternehmer Sören Kayser überzeugt. Was ihn daher manchmal ärgert ist, dass insbesondere junge Techniktalente seltener auf die Idee kommen, sich auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitgeber auch im Land zwischen Nord- und Ostsee umzuschauen: „In Schleswig-Holstein gibt es eine Fülle an attraktiven kleinen und mittelgroßen Unternehmen in zukunftsträchtigen Branchen. Das wird vielfach unterschätzt“.

Mehr als ein Instrument zur Deckung des eigenen Personalbedarfs

Gezielt fördert sein Betrieb daher den Nachwuchs, auch mit dem Deutschlandstipendium. Ein Maschinenbaustudent und ein angehender Wirtschaftsingenieur an der Fachhochschule Lübeck profitieren von der Spitzenförderung, bei der sich der Bund und private Mittelgeber – in diesem Fall die Gabler Maschinenbau GmbH – die Fördermittel von 300 Euro monatlich pro Stipendium teilen. Das mit Unterstützung von Bund und Ländern weitgehend in Eigenregie durch die Hochschulen umgesetzte Stipendien­programm ist dabei aus Sicht von Sören Kayser mehr als ein Instrument zur Deckung des eigenen Personalbedarfs: „Das Deutschlandstipendium ist sicher ein gutes Instrument, um junge Talente im Norden zu halten oder überhaupt erst für den Norden zu interessieren.“

Gemeinsam ist man stärker

Das 2011 von der Bundesregierung gestartete Stipendienprogramm hat sich zunehmend etabliert. Rund 21 Millionen Euro haben private Förderer allein 2013 in das Deutschlandstipendium investiert. 161 Deutschlandstipendien konnten im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein vergeben werden. Um noch mehr Aufmerksamkeit auf das Stipendium – und auf das Bundesland – zu lenken, haben die sechs am Programm beteiligten Hochschulen im Land beschlossen, sich zu vernetzen: „Gemeinsam ist man stärker. Die Vernetzung erhöht die Chance, dass mehr Unternehmen in der Region von der hiesigen Hochschullandschaft und dem Stipendium erfahren“, begründet Sabine Große-Aust von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) den Schritt. „Zusammen schaffen wir mehr Zugänge zu künftigen Fachkräften. Ich glaube, vielen Firmen ist gar nicht bewusst, wie anregend so ein Austausch mit den jungen Leuten sein kann“, so die Referentin für private Wissenschaftsförderung.

Außer Konkurrenz

Die CAU, die Fachhochschule Lübeck, die Musikhochschule Lübeck, die Fachhochschule Flensburg, die Fachhochschule Westküste in Heide und die Muthesius Kunsthochschule Kiel streben dazu eine gemeinsame Kampagne mit der Industrie- und Handelskammer und weiteren lokalen Wirtschaftsnetzwerken an. Konkurrieren die Hochschulen dabei nicht um die Förderer? „Wir haben bisher noch keinen Wettbewerb spüren können, weil tatsächlich jeder zunächst in seiner Stadt akquiriert“, meint Nicole Grimm, an der Fachhochschule Lübeck zuständig für das Deutschlandstipendium. „Oft wollen ehemalige Studierende an ihrer Alma Mater unterstützen, viele fördern zudem gezielt bestimmte Fachbereiche. Da haben die Hochschulen mit ihren unterschiedlichen Ausrichtungen ohnehin ihre eigenen Bezugsgruppen.“ Davon, dass die engere Zusammenarbeit Förderern wie Stipendiaten zugute kommt, ist auch sie überzeugt. „Viele kleine Betriebe wissen gar nicht, was die Hochschulen alles bieten. Das Deutschlandstipendium ist eine wunderbare Brücke, über die wir zusammenkommen.“

Kultur der kurzen Wege für den Fachkräftebedarf

„Durch die Zusammenarbeit der Hochschulen wird nach außen deutlicher, auf welche Wissenschafts- und Forschungsgebiete die einzelnen Hochschulen spezialisiert sind. Das bringt Industrie und Wissenschaft schneller zusammen.“, meint auch Sören Kayser. Die Querverbindungen und der Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft kommen wiederum der Region zugute. Für den schleswig-holsteinischen Wirtschaftsminister Reinhard Meyer stellt das Programm an sich einen beträchtlichen Wert dar: „Das Deutschlandstipendium ist eine gute Option für Unternehmen, sich ganz konkret für mehr Fachkräfte in der Region zu engagieren, einen Kontakt zu leistungsstarken Stipendiaten herzustellen und den Transfer der Köpfe zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu befördern.“ Eine für die Industrie- und Handelskammer erstellte Studie besagt, dass für das Jahr 2030 in Schleswig-Holstein eine Hochqualifizierten-Lücke von etwa 12.000 Personen zu erwarten sei. „Insofern ist es unser ureigenstes Interesse, den engen Kontakt zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern, um unmittelbar Absolventen für die regionale Wirtschaft zu binden“, begrüßt Sabine Hackenjos von der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck die durch das Deutschlandstipendium angeregte neue „Kultur der kurzen Wege“.