Zwischen Kita und Klausur

Abends noch um die Häuser ziehen, morgens länger schlafen und dafür bis spät in die Nacht am Schreibtisch sitzen – für Studierende mit Kind geht das nicht. Zwei Studenten und eine Studentin erzählen, wie sie den Spagat zwischen Lernen und Familie meistern und wie das Deutschlandstipendium ihnen dabei hilft.

Kinder erziehen und gleichzeitig fürs Studium lernen: Für die angehende Wirtschaftsingenieurin und Deutschlandstipendiatin Samira Steilen ist das eine tägliche Herausforderung. Foto: © Stefan Sauer für BMBF 2014Hannah stiefelt schnurstracks auf das Regal in der Bibliothek zu. Zufrieden kehrt die Fünfjährige mit einem Stapel Kinderbücher zurück und macht es sich neben ihrem Papa gemütlich. „Sie kommt gerne mit hierher“, erzählt Marco Bultmann froh und schiebt die Fachliteratur ein wenig zur Seite, um seiner Tochter Platz zu machen. Hin und wieder darf ihn Hannah begleiten. Der alleinerziehende Vater studiert im vierten Semester Wirtschaftswissenschaften und Germanistik an der Universität Oldenburg. Der Alltag zwischen Uni und Kind bedeutet eine echte Herausforderung. „Kinder funktionieren nicht wie ein Uhrwerk, die werden schon mal krank und zwar gerade dann, wenn es gar nicht passt“, seufzt der angehende Pädagoge und sieht dabei doch recht zufrieden aus.

Mehr Zeit mit der Tochter

Sicher: Auch finanziell ist Marco Bultmann stärker gefordert als die kinderlosen Kommilitonen. Umso wichtiger ist für den Studenten das Deutschlandstipendium, mit dem er seit Studienbeginn gefördert wird.
Denn an einen zusätzlichen Nebenjob für den Unterhalt der Kleinfamilie ist im Moment gar nicht zu denken. 300 Euro Stipendiengeld bekommt er im Monat, die eine Hälfte zahlt der Bund, die andere ein Privatförderer. „Das gibt mir Sicherheit und es schenkt mir Zeit für meine Tochter“, sagt Bultmann. Er will da sein für seine Tochter, das Leben mit Kind nicht bloß organisieren. Für das Studium ist er ins niedersächsische Oldenburg gezogen, mehr als einen Katzensprung weg von Großeltern und Freunden.

Die Verbindung erfordert Disziplin

Marco Bultmann hat das bewusst auf sich genommen: „Ich wollte nicht irgendwann feststellen, dass ich etwas verpasst habe“, so der ehemalige Zeitsoldat. Zwölf Jahre arbeitete er bei der Bundeswehr im Personalwesen. Danach holte er sein Fachabitur nach und stellte so die Weichen für sein Studium. Gerade absolviert der 36-Jährige sein erstes Praktikum in einer Berufsschule: „Das ist genau der Platz, an dem ich einmal sein möchte.“ Bis dahin fordert die Verbindung von Familienleben und Studium noch jede Menge Disziplin. Er nimmt es heiter. „Es macht schon großen Spaß, wenn dich so ein kleiner Mensch morgens anlächelt und unbedingt mit dir mitkommen will. Wer keine Kinder hat, kann sich allerdings oft gar nicht vorstellen, was so eine Doppelbelastung wirklich heißt.“

Man muss das wirklich wollen

Yasar Aratemür weiß das. „Ich bin froh, wenn Dozenten verständnisvoll reagieren, wenn ich mal eine Seminararbeit verschiebe, weil ich mich um meine Jüngsten kümmern muss.“ Der gelernte Lokomotivführer studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität „Cultural and Cognitive Linguistics“. Mit dem Studium erfüllt er sich einen Traum. Gebürtig gehört Yasar Aratemür zu den Zaza, einer nordwestiranischen Volksgruppe in Ostanatolien. Die fast vergessene Kultur der Zaza wissenschaftlich zu erforschen, das ist sein großes Interesse. Vor ein paar Jahren hat er den Verein der Zaza-Sprache gegründet. „Wenn man das wirklich will, schafft man so ein Programm auch mit Kindern“, ist er überzeugt. Zielstrebig war der 35-jährige Familienvater, dessen jüngster Sohn 16 Monate alt ist, schon immer. Mit 16 Jahren folgte er seinen Eltern nach Deutschland. Erst erlernte er den Beruf des Gleisbaufacharbeiters. Dann bildete er sich zum Lokomotivführer weiter, absolvierte per Fernstudium den geprüften Meister für den Bahnverkehr und erwarb schließlich an der Universität Hamburg seine Studienberechtigung.

Das Deutschlandstipendium ist eine große Erleichterung

Um sich das Studium leisten und seine Familie ernähren zu können, arbeitet er zwei bis dreimal die Woche als Lokführer. Das Deutschlandstipendium, das er seit Kurzem erhält, bedeutet neben der Riesenanerkennung für seine Leistung auch eine große Erleichterung für ihn: „Das schenkt mir mehr Zeit für meine Familie und ich kann mich sogar noch um meinen Verein kümmern“, freut sich Yasar Aratemür, der kurz vor dem Master steht. Falls er das Stipendium auch im nächsten Jahr noch erhält, will er anschließend auf jeden Fall promovieren.

Die Freude am Lernen überträgt sich

Kinder zu haben und trotzdem zielstrebig den eigenen beruflichen und fachlichen Interessen zu folgen, das ist auch für Deutschlandstipendiatin Samira Steilen kein Widerspruch. Vor drei Jahren entschied sich die
28-Jährige nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau in Neubrandenburg gegen den Berufseinstieg und für das Studentenleben in Stralsund. Seither studiert sie Wirtschaftsingenieurwesen im Bereich Maschinenbau. „Der Umzug war eindeutig schwieriger als das Studium“, sagt die allein-erziehende Mutter zweier Kinder und lacht. Oft hütet die Großmutter an den Wochenenden ihre sechsjährige Enkelin und ihren achtjährigen Enkel, trotz der einhundert Kilometer Entfernung. Und auch der Vater hilft mit. „Die tolle Unterstützung von allen Seiten bedeutet uns sehr viel“, sagt Steilen, die ihren Kindern auch zeigen will, dass man als Vater oder Mutter keineswegs auf die Verwirklichung der eigenen Ideen verzichten muss. „Es ist unglaublich erfüllend, wenn man Sachen lernt, die einen total interessieren. Und die Freude daran überträgt sich auch auf die Kinder“, ist sie überzeugt. Neben Familie und Studium beteiligt sie sich auch an einem technischen Forschungsprojekt in ihrem Fachbereich. Derzeit absolviert sie ihren Bachelor. Danach will sie den Master in Angriff nehmen. Und was lernt man so von seinen Kindern? Da muss Samira Steilen nicht lange überlegen: „Das Unvorhergesehene neben den täglichen Herausforderungen zu meistern“, sagt sie. Und das sei doch im Leben sowieso manchmal das Schönste.