Hier fördert der Mittelstand

Der Mittelstand ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft. Viele Unternehmen finden derzeit aber nur schwer qualifizierten Nachwuchs. Deshalb setzen die Industrie- und Handelskammern in Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Berlin auf eine engere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft – und auf das Deutschlandstipendium.

Foto Wolfgang Komenda und Marcel van DeldenFoto: IHK Mittleres Ruhrgebiet | Wolfgang Komenda, Leiter Personalwesen der Gebr. Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei GmbH, und Deutschlandstipendiat Marcel van Delden bei einer gemeinsamen Werksbesichtigung.
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Konzentriert sitzt Anna Schnitzer im Lesesaal der Erfurter Universitätsbibliothek. Zuhause sind die Koffer gerade erst wieder ausgepackt. Sechs Wochen Portugal liegen hinter ihr. Ein halbes Jahr hat sie nach ihrem Abitur zunächst im Süden Brasiliens gearbeitet und im Rahmen des Internationalen Jugendfreiwilligendienstes Familien bei der Schulausbildung der Kinder unterstützt. Land und Leute auf dem südamerikanischen Kontinent hatten es ihr angetan. Jetzt hat Europa Priorität für sie. Während ihrer Semesterferien hat sie im portugiesischen Braga ihre Sprachkenntnisse aufgefrischt und sich an der Gestaltung eines Ferienprogramms für Kinder beteiligt. "Dank meines Stipendiums konnte ich mir das leisten. Portugal kämpft zurzeit mit enormen wirtschaftlichen Problemen – darunter leiden gerade auch die Kinder", erzählt sie.

Fachkräftesicherung für die Region

Anna Schnitzer studiert Staatswissenschaften mit den Schwerpunktfächern Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Erfurter Universität. Seit dem Sommersemester 2013 zählt sie zu den Deutschlandstipendiaten, die von der örtlichen Industrie- und Handelskammer gefördert werden. "In Thüringen gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen mit hohem Innovationspotenzial, die händeringend nach Fachkräften suchen. Frühzeitig mit Spitzentalenten in Kontakt zu treten und hier einen Austausch zu suchen, der auch über den jeweiligen Tellerrand blicken lässt, ist ganz wichtig für die Region", so Thomas Fahlbusch, Leiter des Bereichs Aus- und Weiterbildung der IHK Erfurt. Der Aufforderung durch die Fachhochschule Nordhausen und die Universität Erfurt, das Stipendienprogramm zu unterstützen, ist die IHK daher gerne gefolgt. Gemeinsam mit den regionalen Unternehmen fördert die Erfurter IHK seit 2011 an drei Hochschulen das Deutschlandstipendium. Derzeit profitieren 45 Studierende davon.

Der Mittelstand als attraktiver Arbeitgeber

Auch wenn es insbesondere in den technischen Studiengängen zahlreiche Studierende zunächst zu den bekannten Großunternehmen zieht, der Mittelstand ist durchaus attraktiv für viele Hochschulabsolventen: "In kleinen und mittelgroßen Unternehmen bekommt man schneller Einblicke in die Praxis und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen – das macht es sehr reizvoll, von einem mittelständischen Unternehmen gefördert zu werden", sagt Deutschlandstipendiat Marcel van Delden. Der 23-Jährige studiert im dritten Mastersemester Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum und bereitet sich zugleich auf seine Promotion vor. "Ich entwerfe Schaltungen, die in der Radar- und Kommunikationstechnik zum Einsatz kommen, sogenannte hochfrequente und optische Systeme." An solchen Entwicklungen ist auch Marcel van Deldens Förderer interessiert. Die Gebr. Eickhoff Maschinenfabrik und Eisengießerei GmbH hat von Anfang an beim Deutschlandstipendium mitgemacht – und unterstützt den angehenden Ingenieur bereits im dritten Jahr.

Großes Interesse bei den Unternehmen

Katja Fox freut das. Die stellvertretende Geschäftsbereichsleiterin Unternehmensförderung und Wissenschaft wirbt bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet um neue Mittelgeber aus der Privatwirtschaft. "Oft bauen sich durch das Deutschlandstipendium langjährige persönliche Beziehungen zwischen Unternehmen und Studierenden auf. Davon profitieren am Ende beide Seiten. Und das ist auch der Grund, warum wir als IHK so dahinterstehen", betont sie – Argumente, die viele Firmen in der Region vom Stipendienprogramm überzeugen: "Etwa 80 Prozent der Unternehmen, die ich anrufe, kann ich als private Förderer für die Hochschulen in der Region gewinnen." Die "Schnittstellenfunktion der IHK" zwischen den Unternehmen der Region und den Hochschulen hält Fox für unerlässlich: "Wir haben den direkten Draht zu den Unternehmen und wissen, worauf es unseren Mitgliedern ankommt. Das erleichtert den Unternehmen die Fachkräftegewinnung und den Hochschulabsolventen den Berufseinstieg – eine echte Win-Win-Situation."

Erfolgsmodell für Berlin und Brandenburg

Gemeinsam mit der Handwerkskammer, der Berlin Partner GmbH, der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg und dem Verein Berliner Kaufleute rührt die IHK Berlin die Werbetrommel für das Spitzenförderprogramm. "Berlin ist ein mittelständisch geprägter Wirtschaftsstandort, der viele Start-ups anzieht. Wenn wir die Berliner Wirtschaft nachhaltig stärken wollen, müssen wir helfen, gute Mitarbeiter zu finden. Und das Stipendienprogramm ist schon jetzt ein Erfolgsmodell", ist die Bereichsleiterin Innovation der IHK Berlin, Petra König, überzeugt. Für die engere Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und mittelständischen Unternehmen wirbt jetzt eine breite Informationskampagne.

Neue Stipendienkultur in Deutschland

DIHK-Präsident Eric Schweitzer setzt sich "voller Überzeugung" für das zunehmende Engagement der regionalen Industrie- und Handelskammern ein: "Das Deutschlandstipendium hat eine neue Stipendienkultur in Deutschland eingeläutet. Das birgt ein hohes Vernetzungspotenzial für den Mittelstand und das kommt dem gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland zugute. Der Mittelstand ist der Jobmotor in Deutschland. Sechs von zehn Beschäftigten sind dort tätig. Mit dem Deutschlandstipendium befördern wir die für Innovationen wichtige Kultur des Austausches und binden die Spitzenkräfte von morgen", unterstreicht er.