Das Erbe des Schuhmachersohns - Bildungsförderung für Aufsteiger

Porträt Cornelia SchuDr. Cornelia Schu, Leiterin Themencluster Integration und Projektleiterin der "Studienpioniere". Foto: Simon Bierwald © Stiftung Mercator 2013Die Stiftung Mercator und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft wollen mit ihrer Initiative "Studienpioniere" Schulabgängerinnen und -abgängern aus Nicht-Akademiker-Familien den Weg ins Studium ebnen. Was das mit einem flandrischen Schuhmachersohn, dem Globus und dem Deutschlandstipendium zu tun hat?

Darüber sprechen wir mit Dr. Cornelia Schu, Leiterin des Themenclusters Integration bei der Stiftung Mercator und Projektleiterin des gemeinsam mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgeschriebenen Wettbewerbs "Studienpioniere".

Frau Dr. Schu, die Stiftung Mercator trägt den Namen jenes in Flandern geborenen Schuhmachersohns, der als Wissenschaftler im 16. Jahrhundert vor allem mit seinen Globen und mit seiner präzisen Weltenkarte internationales Aufsehen erregte. Da kann das besondere Engagement für Bildungsaufsteigerinnen und Bildungsaufsteiger auch aus Zuwandererfamilien doch kein Zufall sein?

(lacht) Gerhard Mercator war tatsächlich ein in jungen Jahren von einer Ordensgemeinschaft geförderter Bildungsaufsteiger und Zuwanderer, der als angesehener Wissenschaftler anlässlich der Gründung der Universität Duisburg im Jahr 1552 mit seiner Frau und seinen Kindern aus Flandern nach Duisburg übersiedelte. Offenheit und Neugier für die Welt, das Lernen, das Forschen haben die Menschheit schon immer vorangebracht. Und der Kartograf, Geograf, Mathematiker, Theologe und Philosoph Gerhard Mercator hat weit über seine Zeit hinaus dazu viel beigetragen. Insofern passt der Name gut zum Engagement der Stiftung.

Die Stiftung Mercator setzt sich für die Förderung des aktiven Wissensaustausches zwischen Menschen mit unterschiedlichem nationalem, kulturellem und sozialem Hintergrund ein, etwa auch im Rahmen der zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ins Leben gerufenen Initiative "Studienpioniere". Wie kam es zu dem gemeinsamen Projekt?

Das Anliegen, junge Talente zu fördern, für die der Weg an die Hochschule nicht selbstverständlich ist, verbindet die Stiftung Mercator und den Stifterverband. Gerade Jugendliche ohne akademische Vorbilder in der eigenen Familie und aus Zuwandererfamilien sind an deutschen Hochschulen unterrepräsentiert. Sie brechen häufiger ihr Studium ab und schöpfen damit kaum ihre Begabungen aus. Dieses Potenzial zu verschenken, können wir uns gesellschaftlich auf lange Sicht nicht leisten. Wir wollen hier gezielt Impulse in die andere Richtung setzen. An den Hochschulen kann einiges dafür getan werden, die Attraktivität der akademischen Laufbahn für junge Leute ohne akademische Vorbilder zu erhöhen und bessere Bildungs- und Aufstiegschancen zu schaffen.

Wie das? Uns wird ja nachgesagt, Deutschland habe eines der bestfunktionierenden staatlichen Bildungs- und Hochschulwesen. BAföG und Begabtenförderung schaffen Bildungszugänge für viele.

Das stimmt. Und trotzdem nehmen nur 23 Prozent der Nicht-Akademiker-Kinder ein Studium auf im Gegensatz zu 77 Prozent der Akademiker-Kinder. Das hängt wesentlich von zwei Faktoren ab: Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien werden längst nicht so intensiv durch das Elternhaus gefördert wie Akademiker-Kinder und sind überproportional häufig von BAföG abhängig – für sie ist die Finanzierungsfrage damit eine potenzielle Hürde zum Studium. Und: Bildungsaufsteiger bewerben sich viel seltener bei Begabtenförderungswerken. Hier kann man gegensteuern, indem man beispielsweise schon in den Schulen, wenn die Weichen für den beruflichen Werdegang noch nicht final gestellt sind, für den akademischen Weg wirbt und über den Studienalltag informiert. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt sollte auf  das Deutschlandstipendium und die Möglichkeiten einer finanziellen Unterstützung aufmerksam gemacht werden.

Ihre Initiative "Studienpioniere" richtet sich an die Fachhochschulen. Zehn von ihnen haben sie im Oktober 2013 für entsprechende Konzepte ausgezeichnet und für die Teilnahme ausgewählt. Warum haben Sie besonders die Fachhochschulen ins Visier genommen?

Die Fachhochschulen sind aufgrund ihres Bildungs- und Gründungsauftrags geradezu prädestiniert dazu, Bildungsaufsteiger zu fördern. Sie bieten im Gegensatz zu Universitäten ein stärker berufsorientiertes Fächerspektrum. Allein das wirkt den Bedenken vieler Bildungsaufsteiger, ob sich die Hochschulausbildung lohnt, entgegen. Man sieht auch, dass der Anteil der Abbrecherinnen und Abbrecher an Fachhochschulen sehr viel niedriger ist. Und die Resonanz auf die Initiative hat gezeigt, dass die Aufstiegsförderung bei vielen Fachhochschulen ganz oben auf der Agenda steht. So haben sich 61 Fachhochschulen aus 15 Bundesländern an unserer Ausschreibung beteiligt, manche von ihnen haben das Thema längst explizit als Teil ihrer Strategie formuliert.

Für die "Studienpioniere" stellen Sie den Hochschulen bis zu 170.000 Euro an Strukturfördermitteln zur Verfügung. Was tun die Fachhochschulen konkret, um mehr junge Menschen aus Elternhäusern ohne akademische Tradition für ein Studium zu begeistern?

Sehr wichtig ist die frühzeitige Ansprache in der Schule. Das ist aus unserer Sicht eine zentrale Maßnahme. Dazu gehört auch der unmittelbare Dialog mit der Zielgruppe, wie ihn die Hochschule Bochum etwa über die sozialen Netzwerke organisiert. Die Hochschule will zudem zusammen mit der Ruhr-Universität die Studienerfolge von Studierenden absichern, die sich an der Universität nicht richtig aufgehoben fühlen und die Beratungen der beiden Hochschulen für diese Gruppe aufeinander abstimmen – ein sehr innovativer Schritt. Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Begleitung auf Augenhöhe – so wie sie die Hochschule Bremerhaven unter dem maritimen Titel "Alle an Bord!" durch "Lotsen" organisiert, die den Studierenden als Mentoren zur Seite gestellt werden.

An welcher Stelle kommt das Deutschlandstipendium ins Spiel?

Sobald die Studierenden an den Hochschulen sind, muss natürlich auch ihre finanzielle Unterstützung verbessert werden. Denn oft sind es gerade die fehlenden finanziellen Mittel, die Bildungsaufsteiger von einem Studium abhalten. Hier bietet das Deutschlandstipendium einen wichtigen Anreiz – aus unserer Sicht eine gute Maßnahme, um einem breiteren Spektrum an Studierenden Begabtenförderung zu ermöglichen. Deshalb fördern wir gemeinsam mit dem Bund an jeder der zehn Hochschulen 18 Deutschlandstipendien –  ein gutes Beispiel, wie Stiftungen und öffentliche Hand an einem Strang ziehen, um mehr Chancengleichheit zu schaffen.

Deutschlandstipendiaten halten oft auch persönlichen Kontakt zu ihrem Förderer – etwa einem Unternehmen. So entstehen Netzwerke in die Wirtschaft, die gerade Bildungsaufsteiger selten von zuhause mitbringen. Dieser Kontakt entfällt, wenn Sie als Stiftung den privaten Förderanteil übernehmen. Fangen Sie das irgendwie auf?

Wir wissen, dass für Bildungsaufsteiger das Thema Berufseinstieg besondere Relevanz hat, eben auch, weil sie in der Regel nicht über die gleichen Netzwerke verfügen wie Akademiker-Kinder. Deshalb mussten die Fachhochschulen für den Wettbewerb Konzepte entwickeln, die nicht nur für die Rekrutierung und Begleitung der "Studienpioniere" Maßnahmen vorsehen, sondern auch für den Übergang in den Arbeitsmarkt. Das heißt: Innerhalb des Wettbewerbs wurden die Fachhochschulen aufgerufen, ihre Kontakte in die Wirtschaft zu verstärken und Bildungsaufsteigern Anschlussperspektiven zu bieten. Insofern ist auch die ideelle Förderung, die das Deutschlandstipendium so erfolgreich macht, Teil unseres Programms für die "Studienpioniere".

Stiftung Mercator

Die Stiftung Mercator gehört zu den großen privaten Stiftungen in Deutschland. Der Name geht zurück auf den Kartografen, Geografen, Mathematiker, Theologen und Philosophen Gerhard Mercator. Die 1996 gegründete Stiftung setzt sich mit ihren Kompetenzzentren Wissenschaft, Bildung und Internationale Verständigung vor allem für Integration, Klimawandel und Kulturelle Bildung ein. Für die Initiative "Studienpioniere" hat sie gemeinsam mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft rund 3,2 Millionen Euro bereit gestellt.