Wir Deutschlandstipendiaten

2011 gehörten sie zu den ersten Deutschlandstipendiaten: Barbara Seitz, Stephan Wolf und Elisabeth Seidel. Rund 14.000 Mal wurde das Stipendium seither vergeben, zwei Drittel aller Hochschulen beteiligen sich, viele Förderer sind am Ball geblieben. Eine gute Bilanz. Und ein guter Grund, um mal nachzufragen, wie es so läuft bei den Stipendiaten der ersten Stunde.

Porträt Barbara SeitzFoto privat | Deutschlandstipendiatin Barbara Seitz © 2013

"Gut läuft es!" sagt Barbara Seitz fröhlich. Selbstbewusst strahlt sie auf dem Foto, das sie während des Telefonats per E-Mail aus Sydney geschickt hat. "Die Rückfahrt von Berlin nach Augsburg damals", erinnert sich die angehende Finanzwissenschaftlerin sofort, "die werde ich nie vergessen: Mein Handy hörte nicht mehr auf zu klingeln." Freunde und Bekannte hatten sie in der Tagesschau gesehen – in einem Bericht über das Deutschlandstipendium. Im Januar 2011 war das. Als eine der ersten Deutschlandstipendiatinnen hatte sie bei der Auftaktveranstaltung des Bundesbildungsministeriums auf der Bühne in der Aula der Berliner Humboldt Universität gestanden – "mit Gipsbein!" Sie muss immer noch lachen, wenn sie daran denkt, wie sie extra ein paar Spikes unter ihren Krücken befestigt hatte, weil es eisglatt war in Berlin. "Nicht von dem Lampenfieber zu reden, das sich noch verstärkte, weil ich die Krücken vor der Bühnentreppe abstellen musste. Ich hatte solche Angst zu stolpern!"

Auf dem richtigen Weg

Gestolpert ist sie nicht, im Gegenteil. Die Deutschlandstipendiatin der Universität Augsburg hat es weit gebracht. Nach glanzvoll bestandenem Bachelor arbeitet sie zurzeit an der Macquarie University in Sydney an einem Forschungsprojekt mit. Es geht um ein Krankenversicherungssystem für die von extremen sozialen Gegensätzen geprägten Philippinen. Das Zukunftsthema interessiert Barbara Seitz. Sie steht kurz vor dem Abschluss des Studiengangs "Finance and Information Management", die Doktorarbeit bereits im Visier. "Seit ich das Deutschlandstipendium bekommen habe, will ich wohl immer noch eine Schippe drauflegen", stellt sie heiter fest. Zur Deutschen Bank, die ihr Deutschlandstipendium ko-finanziert hatte, hält sie noch immer Kontakt: "Meiner Mentorin verdanke ich sehr viel. Ihre Karriere ist beeindruckend und sie hat mich hervorragend beraten, wann immer ich ins Stocken kam." Die von der Mentorin angeregten Praktika im "Finance"-Bereich ihres Förderers in Augsburg und in Shanghai haben ihr zusätzlich Gewissheit verschafft: "Seither weiß ich, dass ich beruflich auf dem richtigen Weg bin". Das sehen andere offenkundig auch so: Ihren Master finanziert ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Ungeahnte Möglichkeiten

"Ich beschäftige mich gerade mit einer Idee, die uns für den Campus in den Sinn gekommen ist", verrät Stephan Wolf. Kaum von seinem Praktikum in den Vereinigten Staaten zurück, tüftelt der 24-jährige Deutschlandstipendiat der ersten Stunde an einem computergestützten Fahrrad-Ausleih-System für den Universitätscampus – im Team mit 30 weiteren Studierenden aus seinem Fachbereich Software Engineering an der TU München. Klar sei das „zeitintensiv“, zumal er jetzt mitten in seiner Masterarbeit stecke, räumt der Deutschlandstipendiat ein. "Dafür brauche ich dank der Förderung seit 2011 keinen zusätzlichen Job. Mir macht die gemeinsame Arbeit Spaß, sie nutzt hoffentlich vielen und ich kriege sofort mit, was noch zu verbessern ist." Allzu viele Sorgen um den Abschluss wird er sich bei seinem Talent nicht machen müssen: Sechs Monate hat er im Silicon Valley bei Softwarehersteller Oracle gearbeitet. "Ein echtes Privileg. Das hätte ich mir so nie träumen lassen. Ich habe supernette Kolleginnen und Kollegen gehabt und immens dazu gelernt", gerät er sofort ins Schwärmen. Den Anlauf zur Bewerbung hatte er nach einem Praktikum bei seinem Förderer eMundo GmbH gewagt. Sein wichtigstes Fazit bislang? "Das Stipendium hat mir ungeahnte Möglichkeiten verschafft und mich viel selbstbewusster gemacht – gerade auch durch den Austausch mit meinem Förderer, der mich sehr ermutigt hat."

Die Freiheit, sich auszuprobieren

Deutschlandstipendiatin Elisabeth Seidel bereitet gerade ihre erste Ausstellung vor. Die 23-Jährige aus Hessen studiert Kunst und Deutsch auf Lehramt an der Universität Kassel. Parallel dazu absolviert sie ein Studium für visuelle Kommunikation. Zehn Tage lang hat sie im Sommer Passantinnen und Passanten in den Gassen von Neapel angesprochen und für eine Porträtreihe fotografiert. "Die Freiheit, mich auszuprobieren, das ist das Schöne an diesem Stipendium. Ich konnte bislang gut zweigleisig fahren und mich künstlerisch weiterentwickeln." Zwei Studiengänge unter einen Hut zu bekommen, verlangt viel Disziplin und schluckt viel Zeit. Trotzdem ist der "Deutschlandstipendium-Stammtisch" an der Universität Kassel ein Jour fixe, das Elisabeth Seidel ungern versäumt: "Wir tauschen unsere Erfahrungen aus und gewinnen im Gespräch mit den Förderern spannende Einblicke in die unterschiedlichsten Bereiche. Die Förderer haben uns zu Betriebsbesichtigungen eingeladen, und es sind interessante Begegnungen und Kontakte zustande gekommen."

Wie es bei den dreien weitergeht?

Für interessante Begegnungen sprechen auch ihre eindringlichen Aufnahmen aus der süditalienischen Metropole. Die Porträtfotos werden in Kassel und in Leipzig zu sehen sein. "Ich bin mächtig aufgeregt, aber es ist toll", sagt sie. Und dann sei auch schon das erste Staatsexamen dran. Doktor oder Berufseinstieg? Stephan Wolf hat sich gerade mit seinem Förderer zu einem beratenden Gespräch verabredet. "Nach der Erfahrung bei Oracle bin ich doch ein bisschen in Entscheidungsnot. Einerseits will ich gerne weiter forschen, andererseits reizt mich die Unternehmenspraxis. Mein Förderer hat mir angeboten, gemeinsam noch einmal alle Möglichkeiten durchzugehen." Und Barbara Seitz? Sie wird demnächst erneut auf einer Bühne stehen, "ohne Gipsbein, aber mit ganz weichen Knien", wie sie lachend bekennt. Musik zu machen, ist ihr wichtigster Freizeitausgleich. In Australien hatte sie sich deshalb als erstes nach einer passenden Möglichkeit umgeschaut. Purer Zufall, dass sie ausgerechnet bei dem Chor vorsang, der Teil des Weihnachtsprogramms eines der weltberühmtesten Opernhäuser ist. An drei Tagen wird Barbara Seitz im Chor auf der Bühne der Oper von Sydney stehen und Händels Messias singen, begleitet vom Sydney Philharmonia Orchestra.