"Das ist gelebte soziale Marktwirtschaft"

Topmanager Dr. Klaus Engel im Interview

Foto Dr. Klaus EngelDr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender Evonik Industries AGWas in vielen anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Private Geldgeber wie Unternehmen, Verbände und Privatleute unterstützen Studierende. Doch es tut sich was: Evonik-Vorstand Dr. Klaus Engel über 180 Deutschlandstipendien, den Fachkräftebedarf, die Ansprüche an einen Arbeitgeber wie Evonik und die Erwartungen an den Nachwuchs.

Herr Dr. Engel, seit gut vier Jahren leiten Sie erfolgreich eines der weltweit führenden Industrieunternehmen für Spezialchemie. Gibt es etwas aus Ihrer eigenen Studienzeit, das Sie auch in Ihrer Vorstandsposition noch unterstützt und antreibt?
Klaus Engel:
Zum Beispiel die Freude daran, Herausforderungen anzunehmen und Lösungen umzusetzen. Schon im Studium habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Austausch zwischen verschiedenen Wissensgebieten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln mindestens ebenso wichtig ist wie die Vergrößerung des eigenen Fachwissens. Und genau das, die übergreifende Vernetzung von Wissen und Erkenntnis, ist auch im Wirtschaftsleben ein entscheidender Schlüssel, um Herausforderungen überzeugend zu meistern.

Nach Ihrer Promotion an der Ruhr Universität Bochum sind Sie bei der Chemischen Werke Hüls AG eingestiegen. Wann und wie haben Sie begonnen, sich für Chemie zu interessieren und wer hat Sie auf Ihrem Karriereweg vom Studium in den Beruf besonders gefördert?
Klaus Engel:
Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, und das ist traditionell auch eine wichtige Region der chemischen Industrie. Die Branche lag für mich also buchstäblich nahe. Chemie, Stoffe und Reaktionen haben mich bereits in meiner Kindheit interessiert und fasziniert. Dass es dann im Studium und im Beruf aufwärts ging, hat viele Gründe. Dabei hat mich eine Reihe von Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld immer wieder bestärkt, weiterzumachen, nicht locker zu lassen und den nächsten Schritt zu gehen. Das hat mich beeindruckt. Und ich hatte das Glück, immer wieder Menschen zu treffen, die mir Möglichkeiten und Chancen gaben, weil sie mir einiges zugetraut haben. Diese Erfahrung würde ich jedem Studierenden wünschen. Und da kann ein Stipendium ein guter Rückhalt sein, weil es auch noch zusätzlichen Austausch und Kontakte ermöglicht.

Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Ansprüche von potenziellen Spitzenkräften an Arbeitgeber in den vergangenen Jahren verändert? Und was erwarten Sie heute von potenziellen Spitzenkräften?
Klaus Engel:
Früher stellten sich junge Spitzenkräfte die Frage: Beruf oder Familie? Heute geht es viel stärker darum, beides in Einklang zu bringen – Beruf und Familie. Jungen Menschen ist es nach wie vor wichtig, dass ihr Beruf ihnen materielle Sicherheit gibt. Doch gleichzeitig bekommen andere Aspekte im Beruf mehr Bedeutung: selbstständiges Arbeiten, Kreativität, Freude am Erfolg, verschiedene Karrierewege zum Beispiel. Das spiegelt sicherlich auch die gesellschaftlichen Veränderungen – hin zu mehr Vielfalt und Individualität. Evonik hat schon immer großen Wert darauf gelegt, dass potenzielle Spitzenkräfte nicht nur fachlich besondere Fähigkeiten mitbringen. Wir setzen ganz bewusst auf viel Eigeninitiative und Eigenverantwortung, aber auch auf Teamgeist und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.

Evonik fördert rund 180 besonders begabte und engagierte Studierende an 13 Hochschulen in insgesamt sieben Bundesländern. Was verspricht sich das Unternehmen davon?
Klaus Engel:
Der Standort Deutschland muss auch in Zukunft für Qualität und Spitzenleistung stehen. Der Schlüssel dazu liegt in der Ausbildung und Förderung besonders begabter und engagierter junger Menschen. Das Engagement für Bildung ist ein Kernanliegen von Evonik. Die Industrienation Deutschland kann es sich nicht leisten, Talente und Können ungenutzt zu lassen. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam daran arbeiten, Deutschland zum Weltmeister im Fördern von Talenten und Können zu machen – denn das ist die Grundlage für unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebensstandard.

Wie groß ist das Interesse der Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten an Evonik als potenziellem Arbeitgeber?
Klaus Engel:
Wir bieten den Stipendiatinnen und Stipendiaten immer wieder die Möglichkeit, auch in direkten Kontakt mit Evonik zu kommen – also auch Einblicke in den vielseitigen Alltag eines Spezialchemieunternehmens zu erhalten und Kontakte zu knüpfen, Fragen zu stellen. Viele nutzen diese Möglichkeit.

Lohnt es sich für Evonik, jungen Menschen auch Praktika im In- und Ausland oder Fortbildungsveranstaltungen anzubieten?
Klaus Engel:
Eindeutig ja. Denn davon profitieren immer beide Seiten: Es gibt uns die Gelegenheit, potenzielle Berufseinsteigerinnen und -einsteiger deutlich besser kennenzulernen als in einem reinen Bewerbungsgespräch. Und für die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bringen zum Beispiel Praktika hervorragende Möglichkeiten, sich ein umfangreiches Bild von einem Beruf, den anfallenden Aufgaben und den nötigen Voraussetzungen zu machen. Je klarer die Vorstellungen sind, desto mehr Sicherheit gewinnen Bewerber. Von daher versuchen wir natürlich auch den Stipendiatinnen und Stipendiaten bei Interesse Praktika zu ermöglichen.

Deutschland verfügt über ein staatliches Bildungswesen, das weltweit Nachahmung findet und geschätzt wird. Bei der Bildungsförderung durch private Mittelgeber zählte Deutschland lange zu den Schlusslichtern. Mehr als 4.000 Förderer machen inzwischen beim Deutschlandstipendium mit – Tendenz steigend. Was sind aus Ihrer Sicht die stärksten Argumente für das Deutschlandstipendium?
Klaus Engel:
Das Deutschlandstipendium ist gelebte soziale Marktwirtschaft: Es fordert gute Leistungen und es fördert gute Leistungen.