„Wir brauchen beides"

Spitzen- oder Breitenförderung? ifo-Bildungsökonom Prof. Dr. Ludger Wößmann warnt eindringlich vor dem Versuch, beides gegeneinander auszuspielen. Auch wenn das Wort "Elite" in Deutschland noch immer einen Beigeschmack habe. Er ist überzeugt: "Wir brauchen Spitzenförderung!" Und gezielte Unterstützung von Bildungsaufsteigern.
 
Foto Ludger WößmannBildungs- und Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Ludger Wößmann: "Man darf niemals die Bildung in der Breite der Bevölkerung gegen die Leistung in der Spitze ausspielen."
Foto: © ifo Institut 2013
Herr Wößmann, das Wort "Elite" steht im Grunde für das lateinische Wort "electio", also "Auswahl". Warum tun wir uns mit dem Begriff so schwer?

Das hat wohl vor allem mit der Frage zu tun, wie jemand ausgewählt wird. Die meisten Deutschen haben durchaus eine positive Einstellung zur "Leistungselite". Problematisch ist die "Herkunftselite", in der Menschen lediglich aufgrund ihrer familiären oder sozialen Herkunft aufsteigen. Denn auch das geschieht bis heute.

Ein Kritikpunkt an Eliten ist stets, dass sie sich abschotten. In einer "Leistungselite" herrscht hingegen Durchlässigkeit.

Durchlässigkeit ist absolut entscheidend für ein positives Verständnis von "Elite". Wir müssen es schaffen, alle gesellschaftlichen Potenziale zu heben. Dazu gehört auch die gezielte Unterstützung von Bildungsaufsteigern – etwa mit dem Deutschlandstipendium. Wir brauchen noch viel mehr Bildungsaufsteiger in Führungspositionen.

In einem Interview sagten Sie, Deutschland gehöre zu den Ländern, in denen Bildung noch am stärksten vom Elternhaus abhänge.

Das stellen wir in der Forschung in der Tat fest. Es fällt zum Beispiel auf, wie stark die in der PISA-Studie gemessenen Schülerleistungen vom familiären Hintergrund abhängen. Im Vergleich zu Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten besteht für Kinder aus Akademiker-Familien eine siebenmal so hohe Wahrscheinlichkeit aufs Gymnasium zu kommen.

An den Hochschulen sieht es ähnlich aus: Knapp 71 Prozent der Kinder aus Akademiker-Haushalten beginnen ein Studium. Bei Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten sind es lediglich 24 Prozent. Wie kann das Deutschlandstipendium da helfen?

Wenn wir von Elite sprechen, geht es ja genau darum, die fähigsten Menschen in die höhere Bildung zu bekommen. Wir müssen möglichst vielen Leuten, die auch die Kompetenzen mitbringen, Spitzenbildung ermöglichen. Hierzu müssen verschiedene Ansätze zusammengebracht werden: frühkindliche Förderung, ein gerechtes Schulsystem, ein breiter Zugang zum Hochschulstudium und natürlich finanzielle Unterstützung. Da kann das Deutschlandstipendium viel dazu beitragen, dass Bildungsaufsteiger den Sprung an die Hochschule wagen.

Bei der Auswahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten soll neben guten Leistungen und sozialem Engagement auch die Überwindung von Hürden in der Bildungsbiografie berücksichtigt werden. So sieht es der Gesetzgeber vor. Erhöht das Deutschlandstipendium die Bildungsdurchlässigkeit?

Das ist die Hoffnung – an den Hochschulen, aber auch später. Forschungen haben ergeben: Mit jedem zusätzlichen Bildungsjahr lassen sich sieben bis zehn Prozent mehr Einkommen erzielen. Hinzu kommt beim Deutschlandstipendium die Einbindung privater Förderer: Unternehmen, Stiftungen oder Privatleute. Da entsteht oft ein Kontakt und Austausch über die rein finanzielle Förderung hinaus. Und gerade die Bildungsaufsteiger unter den Deutschlandstipendiatinnen und -stipendiaten bringen solche Netzwerke meist nicht von zuhause mit.
 
Sie haben die Auswirkung von Bildung auf die Wirtschaftskraft eines Landes gemessen. Sie sagen, um schätzungsweise 0,5 Prozent ließe sich unser Bruttoinlandsprodukt steigern, wenn wir zu den besten Bildungsnationen aufschließen würden. 2012 hätte man so das Wirtschaftswachstum in Deutschland um mehr als 70 Prozent steigern können.

Man kann in der Tat in der empirischen Forschung messen, dass Bildungsleistungen der Bevölkerung mit der volkswirtschaftlichen Entwicklung zusammenhängen. Dazu gibt es einige internationale Studien, die zeigen, dass Volkswirtschaften über Jahrzehnte von einer höheren Durchschnittsbildung profitieren. Die volkswirtschaftliche Leistung hängt dabei von zwei Faktoren ab: zum einen von einer guten Bildung in der Breite, zum anderen von einer genügend großen Anzahl an Spitzenkräften. Wir sehen sehr deutlich in den Länder-Analysen, dass beides einen signifikanten Einfluss auf das langfristige Wachstum hat. Insofern darf man niemals die Bildung in der Breite der Bevölkerung gegen die Leistung in der Spitze ausspielen. Wir brauchen beides.

Zur Person

Ludger Wößmann ist Professor für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Leiter des ifo Zentrums für Bildungs- und Innovationsökonomik am ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München. Bekannt ist das renommierte Institut zum Beispiel durch den monatlichen "Geschäftsklimaindex". Darüber hinaus ist Wößmann Koordinator des Europäischen Expertennetzwerks Bildungsökonomik (EENEE) und Mitgründer des Aktionsrats Bildung, einem Gremium von Experten für das deutsche Bildungssystem, das bildungspolitische Maßnahmen begleitet.

Hintergrund

Studierende in Deutschland können sich an den meisten deutschen Hochschulen für ein Deutschlandstipendium bewerben. Voraussetzungen für den Erhalt sind neben hervorragenden Leistungen und gesellschaftlichem Engagement auch persönliche Lebensumstände wie die Überwindung von Hürden in der Bildungsbiografie.

Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten im Monat 300 Euro: jeweils 150 Euro vom Bund und 150 Euro von privaten Förderern. Für die Einwerbung der Mittel aus privater Hand zeichnen die Hochschulen verantwortlich, die auch für die Auswahlverfahren zur Stipendienvergabe zuständig sind.

2012 erhielten rund 13.896 Studierende ein Deutschlandstipendium. Laut Statistischem Bundesamt sind 46,9 Prozent (6.513) der Geförderten Frauen und 7,1 Prozent (984) ausländische Staatsangehörige. Etwa ein Viertel (3.148) der Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten das Deutschlandstipendium zusätzlich zum BAföG. Dies entspricht in etwa dem Anteil der BAföG-Empfänger bei allen Studierenden.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Förderung nach dem Stipendienprogramm-Gesetz (Deutschlandstipendium), Mai 2013