Von der Uni in den Job

Mehr als ein Beitrag zur Studienfinanzierung: Das Deutschlandstipendium eröffnet auch Perspektiven für die Zeit danach. Sema Güleryüz, Stephanie Gromm und Lorenz Wünsch öffnete es die Tür zum Top-Arbeitgeber. Deutschlandstipendiatin María José Muñoz Calvo hilft es bei der Berufsorientierung.

Foto Sema GüleryüzDeutschlandstipendiatin Sema Güleryüz. © BMBF 2013Erst kürzlich hat sie in einem Rolls Royce gesessen – unter funkelnden Sternen. Für den Autosalon Genf im Frühjahr durfte Sema Güleryüz testen, ob die Elektronik für den Sternenhimmel in der Luxuslimousine auch tatsächlich funktioniert. "Was sie natürlich tat!" wie sie begeistert erzählt. Dabei betont sie das "natürlich" mit jenem Stolz der Bayerin in der Stimme, für die ein Auto aus dem Hause der Bayerischen Motorenwerke gar nicht anders kann, als tiptop zu laufen. Die 22-jährige Coburgerin mit türkischen Wurzeln studiert Automobiltechnik und Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Coburg. Das Interesse hat ihr Vater bei ihr geweckt. Der arbeitet als Elektroningenieur für einen Automobilzulieferer: "Mit siebzehn durfte ich ihn zur Internationalen Automobilausstellung begleiten. Seither fahre ich jedes Jahr hin. Was mich dabei interessiert ist das Thema Mobilität. Wie werden wir uns in Zukunft möglichst umweltschonend von A nach B bewegen. Wie übersetzen wir diese Herausforderung hocheffektiv in faszinierende, innovative und alltagstaugliche Fahrzeuge. Das ist die Frage, die mich vor allem beschäftigt."

Interkulturelle Herausforderung

Sema Güleryüz ist eine der ersten Frauen in ihrer Familie, die studiert – noch dazu in einer männergeprägten Branche. "Es kommt vor, dass ich gefragt werde, warum ich kein Kopftuch trage, oder dass Menschen denken, sie hätten sich verhört, wenn ich sage, was ich mache und wofür ich mich interessiere", beschreibt sie Situationen, mit denen sie öfter konfrontiert wird. Freundlich lachend schiebt sie nach, dass sie eben doppelte Pionierarbeit leisten müsse, als Deutsche mit Migrationshintergrund und als Frau. Sie sei gewohnt, zwischen zwei Stühlen zu sitzen und immer ein bisschen mehr leisten zu müssen. Eine interkulturelle Herausforderung nennt Sema Güleryüz das. Die meistert sie auch im Studium mit so herausragenden Leistungen, dass sie sich erfolgreich für ein Deutschlandstipendium bewerben konnte.

Mit dem Deutschlandstipendium zum Top-Arbeitgeber

Foto Lorenz WünschDeutschlandstipendiat Lorenz Wünsch. © BMBF 2013Es könnte kaum besser passen: Ihr Deutschlandstipendium stiftet die Volkswagen AG. Der Förderer kümmert sich, lädt zu Werksbesichtigungen ein, bietet Praktika und Projektarbeiten an. "Ich erhalte Einblicke, die man als Studierende vor dem Abschluss normalerweise nicht bekommt", freut sich Sema Güleryüz, die unlängst ihre erste "Hochzeit" an der Werkstraße bei Volkswagen in Wolfsburg erlebt hat: "Das ist schon ein toller Moment, wenn die Karosserie auf Motorblock und Achse gesetzt wird", schwärmt sie. Vor allem für Elektromobilität interessiert sich die künftige Wirtschaftsingenieurin. Da habe der Konzern viel Know-how zu bieten – aus ihrer Sicht ein attraktiver Arbeitgeber. Sie wäre nicht die erste Deutschlandstipendiatin, die nach ihrem Studium bei ihrem Förderer anfängt. Auch Stephanie Gromm erhielt ihr Deutschlandstipendium von der Volkswagen AG. Beim Get-together an der Ostfalia-Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg kam die gelernte Karosseriemechanikerin mit Mitarbeitern der Abteilungen VW Coaching und VW Nutzfahrzeuge ins Gespräch. Ob sie sich nicht für die Fahrzeugsicherheit bewerben wollte, wurde die erfolgreiche Studierende der Automobiltechnik ganz direkt gefragt. Stephanie Gromm bewarb sich und erhielt noch vor ihrem Bachelorabschluss die Zusage. Seit dem 15. April 2012 arbeitet sie als Sachbearbeiterin für Sicherheitsversuche bei Volkswagen.

Abgleich von Theorie und Praxis

"Das Deutschlandstipendium ist ganz klar ein Türöffner", urteilt Lorenz Wünsch. Seit Oktober 2011 fördert die Deutsche Bahn AG sein Verkehrsingenieurstudium an der Technischen Universität Dresden. Der regelmäßige Austausch mit Mentor Alexander Hohlfeld von der DB Regio AG hilft dem 22-Jährigen dabei, bereits im Studium Theorie und Praxis miteinander abgleichen zu können. "Das erleichtert mir die Orientierung und ich komme schneller in Kontakt mit Expertinnen und Experten bei der Deutschen Bahn, die schon länger in meinem Interessengebiet zuhause sind", so Deutschlandstipendiat Wünsch. Der Bahnfan, der sich vor allem für strategische Fahrplanentwicklung interessiert, hat gerade erst ein Praktikum in der Fahrplanabteilung des Konzerns absolviert. Den Kontakt hat ihm sein Mentor vermittelt. Einen Berufsstart bei seinem Förderer kann sich auch Lorenz Wünsch sehr gut vorstellen: "Das wäre geradezu die Erfüllung eines Kindertraumes für mich."

Brücke zum Beruf

Foto Maria José Muñoz CalvoDeutschlandstipendiatin María José Muñoz Calvo. © BMBF 2013Einen konkreten Arbeitgeber hat María José Muñoz Calvo noch nicht im Blick. Doch auch sie nutzt ihr Deutschlandstipendium zur beruflichen Orientierung – und zum Netzwerken. Nach ihrem Masterstudium in Interdisziplinäre Lateinamerikastudien an der Freien Universität Berlin möchte sich die gebürtige Bolivianerin auf internationaler Ebene für Debatten um den Zugang und die Verwaltung von Naturressourcen engagieren. "Ich habe mir eine Mentorin aus diesem Bereich gewünscht und hatte das große Glück auf eine Referentin des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zu treffen. Der Dialog mit meiner Mentorin liefert mir wichtige Impulse für meine Auseinandersetzung mit den Anforderungen und Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, den Debatten um Entwicklung und Ungleichheit. Das hilft mir dabei, meine Berufswünsche zu konkretisieren", sagt die 23-jährige Masterstudierende, die von einem größeren mittelständischen Unternehmen japanischer Herkunft gefördert wird.

Mehr als finanzielle Förderung

Das Deutschlandstipendium unterstützt Studierende nicht nur mit monatlich 300 Euro, sondern ergänzt das Studium durch Einblicke in die Praxis. Immer mehr Hochschulen gehen dabei neue Wege: Das fängt bei Bewerbungstrainings an, reicht über gemeinsame Exkursionen und regelmäßige Zusammenkünfte mit den Förderern bis hin zu umfänglichen Mentoringprogrammen und Forschungsprojekten. Das Motto: Netzwerke aufbauen, Kontakte knüpfen. Der Bewerbungsprozess läuft je nach Hochschule etwas anders ab. Die Anforderungen sind aber gleich: Neben Leistung entscheiden der persönliche Werdegang, gesellschaftliches Engagement und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen sowie besondere soziale, familiäre oder persönliche Umstände.