Aufwind für Aufsteiger

Rund 70 Prozent aller Kinder aus Akademiker-Haushalten beginnen ein Studium. Dagegen studieren nur ein Viertel der Kinder aus sogenannten "Nicht-Akademiker-Haushalten". Die niedersächsische Unternehmerinitiative "Aufsteiger gesucht" will das ändern – mit dem Deutschlandstipendium.

Zwei Personen über einen Plan gebeugtDer Architekt Malte Diers (links) mit dem Deutschlandstipendiaten Samuel Ziegler (rechts). Foto: © BMBF 2013Große Häuser bauen – das war Malte Diers Traum. Er hat ihn sich erfüllt. Studium und beruflicher Erfolg sind hart erarbeitet. In seiner Familie war er der erste mit einer akademischen Laufbahn. Das Geld war knapp, ein Studium finanziell kaum drin. Heute führt der 45-jährige Architekt ein erfolgreiches Unternehmen in Hannover mit zwei Partnern und fünf Angestellten, saniert Schulen, plant Wohnungen, reist nach China und entwickelt dort Masterpläne für den Bau von neuen Wohnvierteln für zehntausende Menschen. Der chinesische Markt sicherte ihm Aufträge auch als 2005, im Jahr des "großen Bürosterbens", viele kleine Architekturbüros in die Krise rutschten. An Nachwuchs hat es nie gemangelt. "Architekt, das war lange Zeit einer der Traumberufe. Doch das ändert sich gerade. Seit gut einem Jahr scheint der Markt wie leer gefegt", stellt Malte Diers fest. Vor Wochen hat sein Architekturbüro eine Stellenanzeige geschaltet. Bislang hat sich niemand beworben. Kein Einzelfall.

Deutschlandstipendium macht Unternehmen attraktiver

Nicht nur in der Architekturbranche – überall sucht man inzwischen händeringend nach hoch qualifiziertem Nachwuchs: "Viele kleine und mittelständische Unternehmen klagen über den Fachkräftemangel", weiß Volker Müller von den Unternehmerverbänden Niedersachsen. "Sind namhafte Konzerne in der Nähe, ziehen in erster Linie sie den akademischen Nachwuchs an, kleine und mittlere Unternehmen gehen dann oft leer aus. Da können die Arbeitsplatzbedingungen und Aufstiegschancen noch so attraktiv sein. Das wird häufig gar nicht wahrgenommen." Das Deutschlandstipendium betrachtet der Initiator der Bildungsinitiative "Aufsteiger gesucht" daher als "Glücksfall für die Wirtschaft". Die von den Unternehmerverbänden Niedersachsen angestoßene Bildungsinitiative fußt auf dem neuen Stipendienprogramm. Im Verbund der niedersächsischen Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände fördern derzeit zehn Unternehmen zwanzig Deutschlandstipendien – für junge Leute die Chance, Karrieremöglichkeiten auch in kleinen und mittleren Unternehmen zu entdecken.

Schwerpunkt Bildungsaufsteiger

Gezielt hat die Initiative dabei an den Hochschulen nach "First-Generation-Students" gefragt – der "stillen Reserve der Bildungsaufsteiger", wie es auf der Internetseite www.aufsteiger-gesucht.de heißt. Gerade Studierende ohne akademisches Elternhaus im Rücken gelte es zu ermutigen und zu unterstützen, auch um der hohen Abbrecherquote bei naturwissenschaftlichen und technischen Fächern zu begegnen, erklärt Volker Müller den Ansatz. Malte Diers hat das überzeugt, auch weil die Förderung weit über die finanzielle Unterstützung hinausgeht: "Wir haben das bei uns im Büro sehr lange besprochen und uns dann auch deshalb zur Teilnahme entschieden, weil die im Verbund geförderten Deutschlandstipendien mehr beinhalten als eine monatliche Überweisung", schildert der Architekt die Beweggründe. Mentoren-Programme und regelmäßige Treffen sind fest im Projekt verankert. Damit spricht die Initiative vor allem Förderer an, die sich auch für einen intensiveren fachlichen Austausch mit den Stipendiatinnen und Stipendiaten interessieren. Bei den Studierenden kommt das an.

Ein Beitrag zur Chancengleichheit

"Ich werde an berufliche Abläufe herangeführt und die Gespräche sind ein vielschichtiger Austausch, der weit über Architektur hinausgeht – einfach super!", freut sich Deutschlandstipendiat Samuel Ziegler. Der 28-Jährige, der an der Leibniz-Universität in Hannover Architektur und Städtebau studiert, hat Förderer Malte Diers bei der Auftakt-Veranstaltung kennen gelernt. Seither verabreden sich der Architekt und der Architekturstudent regelmäßig. Aus Sicht von Samuel Ziegler ist das Deutschlandstipendium auch deshalb ein Beitrag zu mehr Chancengleichheit. "Für Studierende, die so wie ich keinen akademischen Background haben und auf BAföG und Nebenjobs angewiesen sind, ist die Kombination aus finanzieller Unterstützung und regelmäßigen Treffen ideal. Die Gespräche bringen mich einfach weiter", sagt er. Malte Diers klingt ähnlich begeistert als er erzählt, wie viel er seinerseits zum Beispiel über die aktuellen Diskussionen in der Architektur-Theorie erfährt "oder auch darüber, wie junge Menschen so ticken". Potenzieller Nachwuchs? "Na klar, aber nicht nur." Jemandem den Aufwind geben zu können, sich gegen viele Zweifel durchzusetzen und sein Studium bis zum erfolgreichen Abschluss durchzuziehen – das sei das eigentlich Tolle an der Sache.

Dokumente

  • Feature "Aufwind für Aufsteiger"
    [PDF - 245,1 kB]

     (URL: http://www.deutschlandstipendium.de/_media/2013-05-10_Deutschlandstipendium_Themenservice_Initiative_Aufsteiger_gesucht.pdf)