Hidden Champions: Firmen in Familienhand

Viele familiengeführte Unternehmen in Deutschland gelten als Weltmarktführer in ihren Bereichen. Doch bei Hochschulabsolventen haben sie gegenüber bekannten Firmen oft das Nachsehen. Dabei bieten sie Berufsanfängern besonders attraktive Karriereperspektiven. Seit Neuestem setzen sie deswegen auch auf das Deutschlandstipendium, um junge Talente frühzeitig für sich zu begeistern.

Foto Roy Kaiser, Andreas Lauth, Carolin Birk und Claudia Lehmann-UtheGratulation zum Deutschlandstipendium: Stipendiat Roy Kaiser, Andreas Lauth, Technikvorstand bei Bauerfeind, Stipendiatin Carolin Birk und Claudia Lehmann-Uthe, Bereichsleiterin Personal der Bauerfeind AG (v. l. n. r.). Foto: Bauerfeind AGEs ist nicht einfach, Roy Kaiser ans Telefon zu bekommen. Denn neben seinem Masterstudium im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen arbeitet der Deutschlandstipendiat bereits fleißig mit im Unternehmen, das ihn fördert. Zwischen Terminen in der Hochschule und einer vierstündigen Konferenz im Job findet der 23-Jährige aus Gera aber doch noch Zeit für ein Handygespräch, um über seine Erfahrungen in einem familiengeführten Unternehmen zu sprechen.

Parallel zu seinem Studium an der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena arbeitet er im Produkt-Management der Bauerfeind AG. Das 2.000 Mitarbeiter zählende Unternehmen im ostthüringischen Zeulenroda hat sich auf medizinische Hilfsmittel wie Bandagen, Kompressionsstrümpfe und orthopädische Einlagen spezialisiert und zählt in diesem Segment zu den Weltmarktführern.

Frühzeitige Eigenverantwortung, großes Aufgabenspektrum

"Es war mir wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem ich schnell ein relativ großes Aufgabenspektrum erhalte", sagt Roy Kaiser. Hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten, familiäres Betriebsklima, frühzeitige Verantwortung – genau das habe ihn bei der Bauerfeind AG unter Leitung der Familie Bauerfeind angesprochen, erzählt Roy Kaiser.

Doch die Firma hat er vor dem Studium nicht gekannt. So geht es vielen Studierenden und Hochschulabsolventen. Bei der Bewerbung konzentrieren sie sich auf die großen Namen und DAX-Unternehmen – und konkurrieren dann schnell mit tausenden Bewerbern um eine Stelle. Dabei bieten Firmen in Familienhand vielversprechende Karrieremöglichkeiten: zum Beispiel internationale Einsatzfelder. So ist die Bauerfeind AG in mehr als zwanzig Ländern mit ihren Vertriebsgesellschaften präsent, darunter neben Europa auch die USA, wie der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Professor Hans B. Bauerfeind erläutert: "Wir offerieren Hochschulabsolventen interessante Direkteinstiege." Es sei nicht selten, dass Studierende bereits aus einem Praktikum heraus eine Festanstellung erhalten.

Noch bewerben sich genügend junge Menschen bei der Personalabteilung, doch bereits in ein bis zwei Jahren droht eine Verschärfung des Fachkräftemangels. "Wir haben in der Region Ostthüringen durch Abwanderung und geburtenschwache Jahrgänge eine sehr ungünstige demografische Entwicklung. Daher müssen wir uns schon jetzt Gedanken machen, wie wir Fachkräfte finden", sagt Claudia Lehmann-Uthe, Personalleiterin bei Bauerfeind. Eine gute Gelegenheit hierfür: das Deutschlandstipendium. Es macht Studierende bereits während des Studiums mit ansässigen Familienunternehmen bekannt, bietet einen Austausch zwischen Stipendiaten und Förderern, lässt Netzwerke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft wachsen, die von Werkspraktika bis hin zu gemeinsamen Forschungsprojekten reichen. Davon profitiert die gesamte Region.

Das unbekannte Rückgrat der Wirtschaft

Und das nützt besonders Familienunternehmen, denn diese bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Mit 93 Prozent gelten sie gegenüber anonymen Publikumsgesellschaften und nicht-familiengeführten DAX-Unternehmen als die bedeutendste Unternehmensform in Deutschland. Sie erwirtschaften rund die Hälfte des gesamtdeutschen Umsatzes und beschäftigen mehr als die Hälfte aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer. Umso wichtiger ist eine umfassende Nachwuchsrekrutierung, zum Beispiel über das Karriereportal www.karriere-familienunternehmen.de. Mit diesem Angebot will der Entrepreneurs-Club zusammen mit der Stiftung Familienunternehmen führende deutsche Unternehmen und qualifizierte Bewerber zusammenbringen. Denn in einigen Branchen, wie bei den Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern, ist der Fachkräftemangel längst Realität. "Um negative Auswirkungen auf das eigene Unternehmen wie auch auf die ganze Volkswirtschaft möglichst zu vermeiden, gehen Familienunternehmen inzwischen in die Offensive. Ihr Recruituing ist nicht nur professionell, sondern oft 'Herzenssache' des Eigentümers selbst", sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen.

Das zeigt sich nicht nur durch die steigende Beliebtheit des Deutschlandstipendiums, das den Kontakt zwischen Führungskräften und potenziellen zukünftigen Mitarbeitern ermöglicht. Auf dem "Karrieretag Familienunternehmen" stehen einige Firmenchefs sogar persönlich am Messestand, um Bewerber für ihre Unternehmen kennenzulernen. Das Motto in Künzelsau in Baden-Württemberg: "Deutschlands Familienunternehmer treffen Fach- und Führungskräfte". Eine gute Chance für Hochschulabsolventen und Deutschlandstipendiaten.

Nachhaltigkeit und Verantwortung für die Region

Neben der Bauerfeind AG zählt ebenfalls das Stahlunternehmen Georgsmarienhütte zu den anwesenden Firmen. Das Unternehmen zeigt, das familiengeführte Betriebe neben einer schnellen Selbstverwirklichung und einem guten Betriebsklima auch mit ihrem Arbeitsethos und ihren Wertegrundpfeilern bei Bewerbern punkten: zum Beispiel mit einem nachhaltigen Wirtschaftsansatz, Verantwortung für die Natur, Einsatz für die Interessen der Mitarbeiter und für die Region. Derzeit fördert die Georgsmarienhütte GmbH zwei Deutschlandstipendiaten an der Hochschule Osnabrück. Weitere sollen folgen. Das Unternehmen aus dem niedersächsischen Georgsmarienhütte zählt mit 1.400 Mitarbeitern zu den Technologieführern seiner Branche. "Mit dem Deutschlandstipendium wollen wir zukünftige hochqualifizierte Fachkräfte in der Region halten und den Wirtschaftsstandort stärken", erklärt Christoph Schöne vom Personalservice.

Das Unternehmen ist seit seiner Gründung 1856 eng mit der Region verbunden: Die meisten Belegschaftsmitglieder wohnen maximal zehn Kilometer vom Werksgelände entfernt. In vielen Familien haben bereits der Vater und Großvater dort gearbeitet. In der Stahlbranche herrscht zudem ein besonders harter Wettbewerb auf dem Weltmarkt. "Insbesondere als Unternehmen der Schwerindustrie in Deutschland müssen wir um das besser sein, was wir im internationalen Vergleich teurer sind. Dies können wir nur durch kreative Köpfe“, sagt Schöne. Und deswegen setzt das Unternehmen auch aufs Deutschlandstipendium – bietet es doch eine gute Möglichkeit, frühzeitig die richtigen Talente kennenzulernen. "Stillstand bedeutet Rückschritt", sagt Schöne, "das wissen wir in unserer Branche ganz besonders."