Gedicht der deutschen Vize-Meisterin im U20 Poetry Slam Josefine Berkholz

anlässlich des Dialogs "Viel erreicht, viel vor - das Deutschlandstipendium" am 30. Mai 2012 in Berlin

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Ich glaub, ich will, ich werde

Josefine BerkholzFoto | BMBF: Talent ist "ein Stück Welt in meiner Hand" und was ich daraus mache, sagt die deutsche Vize-Meisterin im U20 Poetry Slam Josefine Berkholz, © 2012Ich halte ein Stück Welt in meiner linken Hand
Und steh dabei doch selbst nur auf dem rechten Bein.
Ich hab die Haltungsschäden längst erkannt
Und bleibe dennoch starr.
Es kann so schwierig sein
Mit offenen Augen die Balance zu halten,
Weil mich mein Bild im Spiegel oft verwirrt.
Die eine Hand – voll Zukunft zum Gestalten,
Das eine Bein – unsicher, schwach & dürr.
Ich weiß, dass ich zwei Füße hab
Und theoretisch laufen kann.
So steh ich eine Weile und ich brauche dann
Die Hand, die meinen Rücken stützt und mir mein linkes Bein zeigt,
Mich vor den eignen Tücken schützt, weil mein Blick nicht so weit reicht,
Die Kraft in meinen Beinen auch im Dunkeln noch zu sehen,
Mich loszutrauen und zeitgleich im Grunde zu verstehen,
Dass ich vermutlich stark bin,
So ganz tief innen drin.
Ich könnte grade stehen,
Ich könnte grad so stehen.
Also gebt mir den Startschuss.
Also gebt mir die Hand.
Denn ich hab einen Teil meiner Richtung erkannt.
Ich halte ein Stück Welt in meiner linken Hand.
Ich halte ein Stück Welt in meiner linken Hand, und ich will.
So weit mich meine beiden Füße tragen,
Wagen auszubrechen, rauszustechen, einzustecken, aufzuwecken,
Ich will aufbrechen.
Weil ich wissen will, was hinter der Horizontlinie ist.
Ich will die Wunder nie für wahr geglaubter Welten,
Ich will das Adrenalin auf der Überholspur,
Das Händezittern der ersten Entdeckung,
Ich will wieder und wieder das Gipfelkreuz sein.
Für das Herztrommeln auf der Ziellinie, die Ahnung großer Ideen,
Für die Möglichkeit mehr zu sein als man sich je getraut hat.
Für den Blick über den Gartenzaun. Die Ewigkeit im Moment und für die Gipfel.
Die unüberbrückbar, sehnsuchtserweckend, aus der nicht einzuschmelzenden Ferne winken
Und meinen Blick vermutlich niemals stillstehen lassen.
Ich will da hin.
Ich möchte weiter gehen als je jemand gedacht hat
Und mindestens so weit ich selber kann.
Ich will das tun was keiner je gemacht hat
Und was das ist – das merk ich sicher irgendwann.

Ich halte ein Stück Welt in meiner linken Hand.
Und hab ich auch den Weg noch nicht komplett erkannt,
Weiß ich jetzt wenigstens: Ich will ihn gehen.
Ich seh’ mich wieder vor dem Spiegel stehen,
Zwei Füße, eine Hand im Rücken – und das reicht für mich.
Ich bin mir sicher, leicht wird’s nicht
Mein Stückchen Welt, mein Stückchen Zukunft zu verwalten,
Aber ich will das Morgen mitgestalten,
Ich glaub, ich will, ich werde.
So weit mein Kopf mich bringt,
So weit mein Auge reicht
Für die Schlagschatten der Gipfel, die Gartenzäune hinter mir lassend.

Ich will noch weiter gehen als je jemand gedacht hat
Und mindestens so weit ich selber kann.
Ich will das tun was keiner je gemacht hat –
Also gebt mir den Startschuss.
Also gebt mir die Hand.

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