„Da schlummert noch viel Potenzial"

Wie der Mittelstand vom Deutschlandstipendium profitiert

„Geld ist nicht das Problem!" Die Berliner Unternehmer Thomas Dankwart und Sebastian Stietzel sprechen über Vorteile und Potenziale des Deutschlandstipendiums. Unternehmensberater Thomas Dankwart gehört zu den Förderern der ersten Stunde, IT-Unternehmer Sebastian Stietzel hat zunächst gezögert.

Thomas Dankwart und Sebastian Stietzel1.800 Euro für ein Deutschlandstipendium habe jedes Unternehmen, sagt Thomas Dankwart (rechts). Genau deswegen müssten sich die Hochschulen bei der Fördererakquise noch mehr auf den Mittelstand konzentrieren, ergänzt Sebastian Stietzel (links).

Herr Stietzel, Sie waren beim Deutschlandstipendium anfangs skeptisch?

Sebastian Stietzel: Nein, gar nicht. Ich war sogar total von der Idee begeistert und habe mich sofort danach erkundigt. Das Deutschlandstipendium ist ja ein äußerst attraktives Instrument, um dem Fachkräftemangel im Mittelstand zu begegnen. Nach dem ersten Kontakt mit den Hochschulen kam dann aber die Ernüchterung.

Warum?

Stietzel: Aus Datenschutzgründen wollte die Universität keinen Kontakt zu den geförderten Studierenden herstellen. Das reicht mir als Mittelständler natürlich nicht aus: Mir geht es ja gerade um den Kontakt, weil ich ein Interesse daran habe, einen jungen Menschen für mein Unternehmen zu gewinnen, zum Beispiel über Praktika oder Studienarbeiten.

Herr Dankwart, Sie bezeichnen sich als "Überzeugungstäter der ersten Stunde". Haben Sie bessere Erfahrungen gemacht?

Thomas Dankwart: Ja, das habe ich Ende 2011 an der Freien Universität (FU) Berlin ganz anders erlebt. Das Fundraising agiert dort sehr aufgeschlossen und engagiert. Mit der Datenschutzproblematik, die Herr Stietzel skizziert hat, bin ich gar nicht in Berührung gekommen. Im Gegenteil: Die Universität hat den Kontakt der Förderer und Stipendiaten von Beginn an durch gemeinsame Veranstaltungen hergestellt.

Stietzel: Vielleicht hätte ich meinen Förderantrag so wie Sie einfach fünf Monate später einreichen sollen, als die Routinen schon eingespielter waren.

Dankwart: Das kann sein. Ich habe meinen Stipendiaten im vierten Quartal 2011 kennengelernt. Und mehr noch: Wir Stifter "netzwerken" auch untereinander und tauschen uns sehr rege aus.

Was bringt Ihnen dieser Austausch?

Dankwart: Ich lerne Unternehmer kennen, die ich über andere Netzwerke sonst nicht kennengelernt hätte. Und ich lerne die FU Berlin neu kennen. Mittlerweile hat sich dadurch ein Kontakt zum Präsidenten ergeben. Das ist nicht nur eine Chance für mein Unternehmen, das ist auch eine Möglichkeit, gesellschaftliche Kontakte zu pflegen und etwas für meine persönliche Entwicklung mitzunehmen. Ich werde so an neue Themen herangeführt.

Dann hat das Deutschlandstipendium aus Ihrer Sicht eigentlich nur Vorteile?

Dankwart: Also 1.800 Euro hat doch fast jedes Unternehmen. Dafür komme ich an interessante Lehrstühle für mein Business heran, kann Kontakte knüpfen, Studierenden Praktika anbieten und ein Jahr fördern. Die andere Hälfte gibt ja der Staat dazu, und dann kann ich meinen Anteil auch noch von der Steuer absetzen – das ist sehr attraktiv! Am Ende ist das ein Gewinn für alle Seiten: Ich bringe jungen Leuten was bei, und die bringen frischen Wind in mein Unternehmen.

Stietzel: Das sehe ich auch so. Umso wichtiger ist es, dass die Universitäten bei den Deutschlandstipendien noch mehr auf den Mittelstand setzen. Viele Hochschulen haben ihre Stipendienplätze erst einmal mit den Kontakten aus großen Firmen gefüllt. Damit ist aber unter Umständen eine große Chance vertan: Über das Deutschlandstipendium können Hochschulen erstmals auch einen Zugang zum Mittelstand bekommen, den es vorher so nicht gab. 90 Prozent aller Unternehmen in Berlin haben bis zu 20 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz bis um die 250.000 Euro. Dieses Potenzial für Projekte und Praktika sollte man nicht außer Acht lassen, das sind völlig neue Förderer!

Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young haben drei von vier mittelständischen Unternehmen Nachwuchssorgen. Hat der Mittelstand das Thema Nachwuchssuche im akademischen Bereich verschlafen?

Stietzel: Nein, das wäre übertrieben. Wir beschäftigen uns sehr stark mit dem Thema. Berlin ist eine großartige Hochschulstadt – aber nur 60 Prozent der Studierenden bleiben nach dem Studium hier. Das ist viel zu wenig! Den kleineren Unternehmen fehlt es in der Tat am Zugang zu den Hochschulen. Es gibt Hochschulprofessoren, die ihren Studierenden vermitteln, dass diese nach dem Studium erst mal zwei, drei Namen von großen Firmen im Lebenslauf haben sollten. Das halte ich für ein falsches Signal!

Die Zahl der mittelständischen Förderer ist noch ausbaufähig. Welche Vorbehalte gibt es gegen das Deutschlandstipendium?

Dankwart: Ich erlebe nicht Vorbehalte, sondern über weite Strecken Ahnungslosigkeit, was das Deutschlandstipendium anbelangt. Dass das Stipendium in der mittelständischen Unternehmerschaft noch nicht angekommen ist, finde ich bedauerlich. Das Geld ist nicht das Problem. Aber man muss das Thema in die mittelständischen, kleinen Unternehmen tragen.

Stietzel: Das sehe ich auch so. Der Mittelstand muss noch mehr angesprochen werden. Man muss die Erfolgsgeschichten erzählen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Stietzel: Der Mittelstand muss noch mehr in den Fokus dieses Programms kommen. Forschungskooperationen können auch mit mittelständischen Unternehmen sehr gut aufgebaut werden. Es reicht nicht, nur die großen Stifter anzusprechen.

Dankwart: Mit dem Deutschlandstipendium können nun auch Mittelständler gut angesprochen werden – und nicht nur die: Denken wir auch an vermögende private Stifter. Ich glaube, da schlummert noch sehr viel Potenzial.

Thomas Dankwart (49) ist geschäftsführender Gesellschafter der Berliner Unternehmensberatung Procedera. Das Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern hat sich auf Banken, Dienstleistungsunternehmen und öffentliche Einrichtungen spezialisiert. Seit 2011 fördert er mit dem Deutschlandstipendium einen Stipendiaten an der Freien Universität Berlin.

Sebastian Stietzel (32) ist Vorstand und CEO der TiXOO AG in Berlin. Das Unternehmen mit 25 Mitarbeitern bietet Tools und Services rund um das Thema Ticketverkauf von Veranstaltungen. Der Mittelständler möchte demnächst zwei Deutschlandstipendiaten fördern.